Psychologie

Psychotherapie

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Als die Panikattacken kamen, war das für mich ein völlig neues Gefühl. Ich kannte mich so nicht. Ich wollte mich auch nicht so kennen. Ich war immer eine eher zurückhaltende Person, ein bisschen schüchtern und nicht der Typ Mensch, der dich nach fünf Minuten nach deiner Telefonnummer fragt. Aber ich war nicht ängstlich. Meine Mutter leidet ebenfalls an einer Angststörung, allerdings gepaart mit depressiven Verstimmungen, die ich zum Glück kaum erlebt habe. Ich kenne daher die Angst schon seit meiner Kindheit aus der Perspektive des betroffenen Beobachters. Ich war eigentlich immer der Meinung, sie müsste das doch in den Griff kriegen. Sie müsste das eben aushalten und nicht so ein Theater machen. Ich verstehe jetzt besser, dass es nicht so einfach ist. Die Therapie hilft mir, meine Angst zu bewerten.
Zu Beginn, als die Panikattacken anfingen, äußerten sie sich vor allem durch Atemnot und Taubheitsgefühle in den Armen. Ich fürchtete eine schwere Krankheit. Ich befand mich zu dieser Zeit im Ausland. Ich denke nicht, dass der Auslandsaufenthalt die Attacken ausgelöst hat. Vielmehr denke ich, dass die Angst, die ich bisher nicht wahrgenommen hatte, nun an die Oberfläche drang. Ich war in einer fremden Umgebung, die Reise war nicht so angenehm verlaufen, wie ich es mir gewünscht hatte, und ich war auf mich allein gestellt. Diese äußeren Bedingungen machten es mir unmöglich, meine Ängste weiter zu unterdrücken. Als ich wieder zuhause war ging ich zu meinem Hausarzt, der meine körperlichen Symptome ernst nahm und mich von oben bis unten durch checkte. Ich war voller Sorge und saß alle paar Tage in einem Wartezimmer, einmal war ich sogar am Wochenende in der Notaufnahme im Krankenhaus.
Nachdem der Hausarzt keine körperlichen Ursachen finden konnte und ich in der Sprechstunde völlig überfordert und aus meiner Verzweiflung heraus in Tränen ausgebrochen war, legte er mir nahe, einen psychotherapeutischen Ansatz zu versuchen. Ich hatte die Idee auch selbst schon gehabt. Er gab mir eine Telefonnummer. Es handelte sich um eine Vermittlungsbörse, die von den Therapeuten über freie Therapieplätze informiert wird und den suchenden Patienten dann den Kontakt zum Therapeuten vermittelt. Ich rief drei Tage hintereinander viele Male täglich dort an, doch es war immer besetzt. Das entsetzte mich. Es musste schließlich bedeuten, dass zahllose andere Menschen sich in der selben Situation befanden, wie ich. Dass auch sie von Ängsten geplagt sind, oder in einer anderen Form psychische Probleme haben. Nun, wenigstens war ich offenbar mit meinen Sorgen nicht allein. Das sollte ich auch nicht lange bleiben. Nachdem ich der Vermittlungsbörse kurzerhand eine Email geschrieben und einige Adressen erhalten hatte, fand ich eine Therapeutin, bei der ich recht kurzfristig einen Platz bekommen konnte.
Meine Therapeutin ist eine ungewöhnliche Person. Ich hatte jemand sehr ernsthaften erwartet, doch sie war sehr positiv und fröhlich, fast ein bisschen verspielt, fand ich. Ich empfand sie als ungemein sympathisch und fühlte mich gleich wohl. Das ist eine wichtige Voraussetzung für eine sinnvolle Psychotherapie. Man muss seinem Therapeuten vertrauen können, das Gefühl haben, sich öffnen zu dürfen. Ich hatte dieses Gefühl.
Zunächst schilderte ich ihr meine Probleme. Die erste Lektion war Gegenwärtigkeit. Nichts spielt eine Rolle, außer der Gegenwart. Der wichtigste Ort ist der, an dem ich mich gerade befinde. Die wichtigste Person ist mein aktuelles Gegenüber. Der wichtigste Moment ist genau jetzt. Und jetzt. Und jetzt…
An den meisten Tagen ging ich und gehe ich noch immer mit einem Gefühl der Befreiung, der Erleichterung und Bestärkung aus meinen Therapiesitzungen. Ich fühle mich zuversichtlich und entspannt. Auch wenn das Gefühl meist nicht einmal den kompletten Tag übersteht, ist es tröstlich zu wissen, dass es in mir war und wieder sein kann.
Ich kann nicht sagen, woher die Angst gekommen ist. Ich habe versucht, mich gegen sie zu wehren. Sie zu unterdrücken oder zu ignorieren. Ich habe keine traumatischen Erlebnisse, keine fürchterliche Kindheit, die es zu verarbeiten gälte. Im Gegenteil. Mein Leben verlief stets leicht und angenehm. Ich dachte, um die Angst zu bekämpfen, müsste ich ihren Ursprung verstehen. Der Ursprung ist allerdings gar nicht wichtig, denn er ist nicht real. Alle Ideen, welche die Angst befördern, sind eben nur das – Ideen. Sie sind ausgedacht, nicht wahr, nicht real. Sie sind nur ein Mittel des Gehirns, sich zu beschäftigen. Da ich in einer Welt lebe, in der es keine wahren Bedrohungen gibt, etwa gefräßige Säbelzahntiger, die urplötzlich vor der Höhle auftauchen, erfindet mein Geist neue Bedrohungen, um sich zu beschäftigen. Meine Angst ist also nichts weiter als Beschäftigungstherapie für meinen Geist.
Da ich das nun weiß, kann ich mit meiner Angst viel besser umgehen und akzeptieren, dass sie für den Moment ein Teil von mir ist. Und gleichzeitig macht es mich zuversichtlich, sie hinter mir lassen zu können.

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