Leben

Faces on a train

Gedankenspiele

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Wenn ich fremde Menschen sehe, dann stelle ich mir ihre Geschichte vor. Ich sehe ihre Gesichter und ich stelle mir vor, wohin sie gehen, woher sie kommen. Ob sie wohl eine Familie haben. Was sie in ihrer Freizeit tun. Welchen Kampf sie ausfechten. Woran sie denken. Ob sie fröhlich sind oder traurig, ob sie einsam sind. Ich versuche in ihren Gesichtern zu lesen. Besonders gut geht dieses Spiel in Zügen. Ein junger Mann, braune Haare, sportlich gebaut, im Anzug und mit Brille. Er liest etwas, oder vielleicht hört er Musik. Am Handgelenk trägt er ein Lederarmband. Ich denke: Hat wahrscheinlich BWL studiert, einen soliden Job gefunden, wahrscheinlich nicht übermäßig ambitioniert. Arbeitet vielleicht bei einer Bank oder in einem Autohaus, vielleicht bei einer Versicherung. Eigentlich ist er „ganz anders“, ihm ist die Arbeit nicht so wichtig. In seiner Freizeit geht er auf Rockkonzerte, spielt Gitarre oder Bass, hat wahrscheinlich eine Freundin und eine Clique, mit der er im Park grillt.

Meistens formt sich vor meinem inneren Auge nicht das Bild eines kompletten Lebens, mit Kindheit und Eltern und Schule. Es sind eher Lebensfetzen, kleine Momentaufnahmen, die ich erschaffe. Es ist der Alltag.

Eine Frau mittleren Alters, etwas fülliger um die Hüfte, im Leopardenshirt und Leggings. Weiße Handtasche, offene Schuhe, lackierte Zehennägel. Sie trägt einigen Goldschmuck, ein oder zwei Ketten, ein paar Ringe, Kreolen an den Ohren. Sie liest eine Zeitschrift, Bild der Frau oder etwas ähnliches. Vielleicht bekommt sie einen Anruf, dann sagt sie so etwas wie „Ich bin jetzt am Bahnhof. – Ja. – Ja. – Nee, erst in ner halben Stunde. – Ja ich meld‘ mich dann. – Ja. – Ciao.“ Ich denke: Vermutlich Hausfrau, vielleicht ist ihr Mann arbeitslos oder Alkoholiker. Sie sieht müde aus, abgekämpft. Sie hat die Tücken des Lebens kennen gelernt und ihre Art gefunden, damit umzugehen. Sie wahrt den Schein, legt Wert auf Äußerlichkeiten. Vielleicht hatten sie mal Geld, früher, sie und ihr Mann, daher der Schmuck. Sie muss heute zum Amt, oder zum Arzt, vielleicht auch jemanden besuchen, aber nicht zum Spaß.

Besonders interessant finde ich alte Menschen. Ein Mann steht am Straßenrand. Sein Rücken ist gebeugt, er hat einen olivfarbenen Teint, vielleicht kam er mal aus Italien oder Spanien. Er hat wässrige Augen, aber sie sind klar, nicht verschleiert, wie bei vielen anderen älteren Menschen. Er trägt eine beigefarbene Jacke, dunkelblaue Hose und braune Mütze. Mit einer Hand stützt er sich auf einen Stock. Er sieht traurig aus, wie er da alleine an der Straße steht. Er schaut auf die vorbeifahrenden Autos, als würde er warten. Ich denke: Seine Frau ist gestorben, vielleicht schon vor vielen Jahren. Er ist traurig und einsam, hat niemanden zum Reden. Vielleicht muss er heute zum Arzt, oder er will Einkäufe machen. Nun steht er am Straßenrand und wartet auf seinen Sohn, der mit dem Auto kommt und den alten Vater abholt. Er macht es pflichtbewusst, aber es ist ihm kein Bedürfnis, er erledigt die Besorgungen mit seinem Vater und bringt ihn dann zurück nach Hause. Wahrscheinlich kommt er nicht einmal mit in die Wohnung, denn sonst müsste der alte Mann nicht bereits draußen stehen.

Solcher Art sind die Gedanken, die mir kommen. Diese Fantasien sind einerseits unterhaltsam und haben zur Folge, dass ich mich auf Zugfahrten oder in Bussen nicht langweile. Es gibt immer etwas zu sehen, ein Detail zu bemerken und eine Geschichte, die sich daraus ergeben kann. Auf der anderen Seite haben diese Überlegungen auch zur Folge, dass ich mich selbst zu den Menschen in Bezug setze. Ich frage mich, ob sie auch über mich nachdenken und wenn ja, was sie denken. Was sehen sie in mir? Ich sage das nicht aus einer Position der Arroganz. Ich glaube nicht, dass viele Leute diese Art von Geschichten kennen. Die meisten Menschen sehen die anderen Menschen, denen sie im täglichen Leben begegnen, kaum, sie nehmen sie nicht wahr und wenn, vergessen sie es sofort. Ich aber sehe sie nicht nur, ich gebe ihnen ein Leben und ein Urteilsvermögen und ich fürchte das Urteil, das sie über mich fällen mögen. Wenn ich die Menschen ansehe und sie schauen zurück, fühle ich mich wie in einem plötzlichen Scheinwerferlicht. Ich bin ein Beobachter, ein Geschichtenerfinder, aber ich möchte im Schatten bleiben. Ich bin wie ein auktorialer Erzähler, ich sehe alles (naja, natürlich nicht alles) und ich gebe es wieder. Aber ich bin kein Teil der Geschichte. Meine eigene Geschichte spielt auf einer anderen Bühne.

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