Leben

Home is where the heart is

Memories

Bildquelle

Was ist Zuhause? Sicher hat jeder Mensch seine ganz eigene Antwort auf diese Frage und sicher haben viele, gerade in der heutigen Zeit, nicht nur eine Antwort.
Ich persönlich fühle mich an verschiedenen Orten auf ganz unterschiedliche Weise zuhause. Zunächst fühle ich mich da zuhause, wo ich gerade wohne. Ich habe ein WG Zimmer und zwei Mitbewohnerinnen. Das bedeutet begrenzten persönlichen Platz und geteilten Platz, aber es bedeutet auch, dass jemand fragt „Wie war dein Tag“, dass Geräusche in der Wohnung sind, die man nicht selbst verursacht hat und dass man mit jemanden zusammen lebt, ohne sein Leben tatsächlich zu teilen. Jeder geht in seinen eigenen Bahnen, aber die kreuzen sich regelmäßig durch Gespräche, manchmal auch nur durch Laute oder Gerüche. Ich habe in meinem Zimmer meine eigenen Sachen, meine Bücher, meine Fotos und Andenken, meinen Krempel. Ich mag meinen Krempel und ich brauche ihn, um mich zuhause zu fühlen. Zumindest ein bisschen davon. Ich kann mich recht schnell einleben und eingewöhnen, ich brauche nicht viel dafür und ich kann meinen Platz schnell in meinen eigenen verwandeln. Mein Vater würde sagen, ich habe ein „einnehmendes Wesen“.
Damit sind wir beim zweiten Zuhause, meinem Elternhaus. Es liegt rund 300 Kilometer entfernt von meinem aktuellen Wohnort. Manchmal macht mich das sehr traurig, weil ich es schade finde, so wenig Zeit mit meinen Eltern verbringen zu können. Ein Teil dieser Traurigkeit ist aber auch die Trauer um die verlorene Kindheit, die Wehmut nach einer Zeit, die keine Sorgen kannte, nach der Zeit von Sonne und Rennen und Lachen und Gehalten werden. Weil die Zeit, die ich heute mit meinen Eltern verbringe, meist nur kurz ist, verbringen wir sie aber sehr intensiv miteinander, was auch schön ist. Es ist irgendwie immer etwas skurril für mich, bei meinen Eltern zu sein. Das liegt nicht an ihnen. Es ist dieses Gefühl – vertraut und doch unbekannt. Ich lebe inzwischen seit fünf Jahren nicht mehr in meinem Elternhaus. Mein Zimmer sieht noch fast genauso aus, wie ich es verlassen habe, nur nicht mehr so bewohnt. Die Einrichtung des Hauses verändert sich nur marginal, und doch ist es anders. Ich kenne mich aus, ich weiß wo die Tassen sind und ich kann mich noch immer völlig ohne Licht im Haus zurecht finden. Ich weiß, wo die Lichtschalter sind und kenne die Zu-Bett-Geh Routine meiner Eltern. Die Geräusche des Hauses sind mir vertraut und wenn ich eine Tür zu oder auf gehen höre, weiß ich genau, welche es war. Der Unterschied ist – es ist nicht mehr mein Raum. Ich bewohne diesen Platz nicht mehr. Das ganze Haus ist wie eine Erinnerung, die man besuchen kann. Natürlich schafft man jedes Mal neue Erinnerungen. Aber die alten sind viel kraftvoller. Ich sehe mich mit meinen Eltern im Wohnzimmer Mensch-Ärgere-Dich-Nicht spielen und anschließend drei Stühle zu einem Siegertreppchen zusammen stellen. Ich sehe mich ihnen meine selbst gebastelten Medaillen überreichen. Ich sehe mich spät abends nach Hause kommen, nach einer Party, leise um niemanden zu wecken und ich sehe das Licht im Schlafzimmer angehen und meine Mutter, die schlaftrunken im Flur steht und fragt „Wie spät ist es denn?“. Ich sehe mich mit 15 in meinem Zimmer, eingekuschelt in meinem Sessel, Kerzen brennen, ich lese „Die Unendliche Geschichte“. Mit dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, verhält es sich ganz ähnlich. Es ist sozusagen der Garten meiner Kindheit. Ich kenne die Wege, aber nicht die Menschen. Ich gehe am Kindergarten vorbei, an der Grundschule, und ich erinnere mich an das Kletterrohr, an die Bastelecke, an die kleinen Toiletten und an meine Schultüte. Ich kenne die Räume, die inneren wie die äußeren. Aber ich weiß nicht mehr, ob die selben Leute darin leben. Diese Gleichzeitigkeit von Vertrautheit und Fremdheit ist irritierend, aber ich schätze, sie gehört eben zum Erwachsenwerden dazu. Ich bin sehr froh, dass ich nicht mehr mit meinen Eltern unter einem Dach lebe, dass ich meinen eigenen Weg gehen und meine eigenen Erfahrungen machen konnte. Ich bin aber auch glücklich, dass ich noch immer jederzeit an den Ort meiner Kindheit zurückkehren kann und meine Erinnerungen besuchen.

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