Leben

Ein bisschen Bildung

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Fast jeder kennt das berühmte Zitat des römischen Philosophen Seneca, „Non Scholae, sed vitae discimus“ (Nicht für die Schule, fürs Leben lernen wir). Es fordert einerseits die Schule auf, ihre Schüler aufs Leben vorzubereiten. Andererseits schwingt auch die Überzeugung mit, das in der Schule Gelernte werde einem in der Zukunft fürs Leben nützlich sein.

Eigentlich jedoch lautet das Zitat genau andersherum, nämlich „Non vitae, sed scholae discimus“, was eben bedeutet, nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir. Seneca starb im Jahre 65 n. Chr. und es scheint sich am Bildungssystem seither nicht viel getan zu haben, denn nach wie vor lernen wir für die Schule, nicht fürs Leben.

Ich selbst wurde vor 20 Jahren eingeschult. Eingeschult, schon das Wort klingt bedrohlich. In diesem Jahr habe ich mein Studium beendet und habe somit den Großteil meines Lebens im öffentlichen Bildungssystem verbracht. Meine Schulzeit war für mich eine durchweg positive Erfahrung und auch an der Universität habe ich mich gut zurecht gefunden. Ich war immer ein perfektes kleines Puzzleteil, fleißig, anständig, gewissenhaft. Und auch ehrgeizig. Gute Noten waren mir immer wichtig und ich war bereit, dafür zu arbeiten.

Trotzdem halte ich das Bildungssystem für eine Zumutung. Ich habe das Gefühl, am Ende dumm und abgestumpft heraus gekommen zu sein und für das faktische Wissen, das ich erlangt habe, den hohen Preis meiner Unbeschwertheit und Kreativität bezahlt zu haben.

Ich war sicher kein geniales Kind, aber ich war interessiert, ich hatte Ideen und war neugierig. Ich hatte Kreativität und wurde darin unterstützt, diese auszuleben. Ich erinnere mich, dass ich die ersten Schuljahre toll fand. Es gab so viel zu entdecken und Neues zu lernen und anzuwenden hat mir Freude bereitet.

Mit den Jahren wurde das Lernen weniger spielerisch, die Inhalte weniger realitätsnah. Ich habe Literatur immer geliebt, aber die Gedichte, die ich auswendig lernte, kann ich heute nicht mehr aufsagen und aus Wilhelm Tell kann ich auch nur noch „Durch diese hohle Gasse muss er kommen“ zitieren. Ich kenne nicht mehr das Periodensystem der Elemente, ich erinnere mich nicht mehr, aus welchen Bestandteilen die menschliche DNA geformt ist und ich habe alles über Algebra vergessen, was ich jemals wusste. Was geblieben ist, ist die Methode. Ich kann Bücher finden, die mir hilfreich sind und das darin gelesene sinnvoll und ansprechend zusammen fassen. Ich kann meine Schlüsse daraus ziehen und den Kontext erkennen und Geschehnisse einordnen. Ich weiß, dass eine Medaille nie nur eine Seite hat und ich kann objektive Betrachtungen anstellen.

Diese Fähigkeit schätze ich und halte sie für gut und nützlich. Ich bin auch kein Feind des Schulsystems. Ich denke, was die Schule vermittelt, ist nicht nur das reine Fachwissen, das in 45 minütigen Einheiten in die Schülerhirne gegossen wird. Die Schule ist die erste Institution, der wir angehören. Es ist ein Ort der Strukturen und Hierarchien, sowohl offizieller wie inoffizieller. Es ist ein Ort der Konfrontation und der Freundschaft, des „Wir gegen Die“ und somit ein wichtiger Schritt zur Identitätsbildung.

Was mich am Bildungssystem wirklich stört ist das Gleichheitsparadigma. Menschen sind nicht gleich und nur die wenigsten können alles gleich gut und haben auch an allem gleich viel Freude. Warum zwingen wir allen das selbe Programm auf? Warum gibt es Wahlmöglichkeiten erst dann, wenn es eigentlich schon zu spät ist? Warum können nicht Talente gefördert und Leidenschaften befeuert werden? Alles scheint für jeden gleich wichtig zu sein und das bietet keine gute Grundlage. Denn später, in der Berufswelt, im Erwachsenenleben, wird gefordert, Prioritäten zu setzen, Stärken zu erkennen und darauf aufzubauen. Warum sollen alle Kinder durch eine Phase der Gleichschaltung gehen, nur damit dann ein radikales Individualisierungsprojekt starten kann? Bildung ist ein großes Glück und kann Welten eröffnen und Chancen bieten. Doch wie wundervoll wäre es, wenn jedes Kind, jeder Schüler sich die Türen selbst aussuchen dürfte, die er oder sie öffnen möchte?

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Ein Kommentar zu „Ein bisschen Bildung

  1. Einen interessanten Beitrag dazu finde ich übrigens dies hier: http://www.collective-evolution.com/2014/01/07/this-is-what-happens-when-a-kid-leaves-traditional-education/
    Education is often considered the foundation for creating a well rounded and productive society, but this belief usually stems from being sure that those coming out of the education system are able to keep the cogs of society turning in order to maintain profit margins of large companies in a system that requires constant growth. Instead of having creative and out-of-the-box-thinking people, the current style of education creates more submissive, obedient and trained graduates so the current system is always maintained.
    What this means is that standard education is focused less on each individual and their growth and more on creating a supply of worker bees that can go out into the world and follow within the confines the system sets out. Sir Ken Robinson gave a famous TED talk in 2007 where he discussed his beliefs about how education kills creativity.

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