Alltag · Leben

Wo sind die Erinnerungen?

Hallo und willkommen zurück! Wie läuft der März für dich bisher? Genießt du schon die ersten Sonnenstrahlen?

Der Frühling ist ja auch immer eine Zeit, in der man langsam aus dem Winterschlaf erwacht, wieder mehr nach draußen geht und etwas unternimmt, eine Zeit, in der die Sonne den Abenteurer in uns hervor kitzelt, der sich auf neue Erlebnisse freut und Erinnerungen schaffen möchte.

Vor einigen Tagen war ich in Köln bei der Harry Potter Ausstellung im Odysseum (ich weiß, es ist eigentlich eher für Kinder, aber was soll ich sagen, ich liebe Harry Potter, ich bin damit groß geworden und ich bin begeistert von dieser magischen kleinen Welt). Die Ausstellung war ziemlich voll und fast jeder Besucher hatte eine Kamera oder ein Smartphone in der Hand und fotografierte. Mir ist dabei aufgefallen, dass unheimlich viele Leute sich überhaupt nicht die Zeit genommen haben, sich alles wirklich anzusehen, sondern eigentlich unablässig mit Fotografieren beschäftigt waren. Jedes einzelne Ausstellungsstück wurde abgelichtet, der ganz persönliche Ausstellungskatalog, aber was wird dabei aus der eigentlichen Erfahrung? Nur durch die Kamera betrachtet wird die Welt klein und zweidimensional, jeder Schuss ein Treffer, been there, done that, und weiter geht’s.

Irgendwie hat es mich erschreckt zu sehen, dass so viele Leute fast ausschließlich durch ihre Kameras sehen, statt mit ihren eigenen Augen. Getrieben von dem Drang, möglichst viele Fotos zu machen und alles Sichtbare auf einen Speicherchip zu bannen, vergessen sie, im Moment zu sein und die Erfahrung zu genießen, die sie gerade machen. Sie werden zu Chronisten ihres eigenen Lebens, während sie es eigentlich hautnah und mit allen Sinnen erleben könnten, und vergessen dabei, die Erinnerungen, die sie unbedingt festhalten möchten, wirklich zu kreieren.

Was steckt hinter diesem Katalogisierungswahn? Vielleicht ist es das Gefühl, etwas festhalten zu können. Einen Moment oder ein Gefühl. Und manchmal gelingt das ja auch. Manchmal sieht man ein Foto und erinnert sich genau daran, wie man sich in dem Moment der Aufnahme gefühlt hat, wie das Eis geschmeckt hat oder wie warm die Luft war. Aber diese Erinnerung ist nicht in dem Foto. Das Foto hat nicht die Macht, diese Erinnerung zu bewahren. Die hat nur unser Gehirn. Aber damit wir uns an einen bestimmten Moment so lebhaft erinnern können, müssen wir in diesem Moment auch voll da gewesen sein. Nicht versteckt hinter einer Kamera.

memories in heart

Bildquelle

All diese Fotos, die allein an diesem Tag und sicher an jedem anderen Tag so lange die Ausstellung dauerte gemacht wurden werden wahrscheinlich nie mehr betrachtet. Sie werden irgendwo abgespeichert, verkommen zu Datenmüll. Vielleicht zeigt man sie noch einem Freund, doch wenn der selbst nicht dort war, wird er sich wohl nach wenigen Bildern langweilen. Würde sich irgendjemand die Mühe machen, diese Bilder auszudrucken, zu sortieren, in ein Album zu kleben und vielleicht noch zu beschriften? Wohl kaum. Wozu also all die Fotos?

Möglicherweise ist es auch eine Art Legitimation. Ich war da und ich kann es beweisen, ich habe nämlich jeden Winkel bildlich festgehalten. Wenn ich schon kein fotografisches Gedächtnis habe, so doch eine ausreichend große SD Karte.

Manchmal muss man echt aufpassen, sich nicht allzu sehr der Technologie auszuliefern. Ich erinnere mich noch an die Zeiten meiner Kindheit, als Fotoaufnahmen noch etwas Besonderes waren. Es hat Geld gekostet, die Filme zu kaufen und dann entwickeln zu lassen. Die Motive wurden sorgfältig gewählt, pro Urlaub gab es nur zwei Filme, das heißt 72 Bilder, und wenn man mit einem halb voll geknipsten Film aus dem Urlaub zurück kam lag der womöglich noch Monate lang im stillen Kämmerlein, bis die nächste besondere Fotogelegenheit kam. Und dann gab es die große Überraschung, wenn der Film entwickelt war. „Schau mal, da sind ja noch die Fotos aus Spanien drauf!“.

Der durchschnittliche Instagram Nutzer schießt heute wahrscheinlich 72 Bilder am Tag. Das ist an sich nicht verwerflich, ich persönlich finde Instagram auch toll und natürlich habe auch ich viel zu viele Bilder von allem und jedem. Aber wo sind die Erinnerungen? Die stecken doch nicht in den Fotos, oder? Die Erinnerungen bleiben, auch wenn die Fotos gelöscht sind oder vergilbt. Und sie sind so viel mehr als bloße Bilder. Sie sind Empfindungen, Gerüche, Geschmäcker und Geräusche. Sie sind lebendig, so wie kein Bild es je sein kann.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s