Alltag · Lust auf...

Lesen – Der Sommer, als der Regen ausblieb von Maggie O’Farrell

Vielleicht habe ich an anderer Stelle schon einmal erwähnt, dass eins meiner Vorhaben für dieses Jahr war, mehr zu lesen. Ich war von Kindheit an eine Leseratte. Als ich noch nicht selbst lesen konnte, habe ich es geliebt, wenn mir vorgelesen wurde. Meine Kinderbücher konnte ich größtenteils auswendig und meine Eltern haben manchmal absichtlich Fehler beim Lesen eingebaut um zu testen, ob ich sie berichtige. Habe ich fast immer, denn eine kleine Klugscheißerin war ich auch schon immer 🙂

Gerade habe ich jedenfalls das Buch Der Sommer, als der Regen ausblieb zu Ende gelesen. Wenn ein Buch, das ich mag, sich dem Ende neigt, ist das für mich immer eine zwiespältige Angelegenheit. Einerseits will ich wissen, wie es weiter geht und möchte nicht aufhören zu lesen. Andererseits will ich aber auch nicht, dass die Geschichte endet. Ich kann manchmal sehr involviert sein in Geschichten, die mir gut gefallen und mich mitreißen oder berühren und dann vermisse ich die Charaktere des Buches für ein oder zwei Tage, nachdem ich es ausgelesen habe. Vielleicht ist das seltsam, aber so ist es.

Aber nun zu dem Buch. Es handelt sich um die Geschichte einer Familie, die in London lebt, ursprünglich jedoch aus Irland stammt. Das Buch spielt im Jahr 1976, in einem heißen und dürren Sommer, daher auch der Name und die Hitze ist in der Geschichte allgegenwärtig und verleiht der ganzen Sache eine gewissen Grundspannung. Die drei Kinder der Familie – Michael Francis, Monica und Aoife – sind bereits erwachsen, verheiratet und haben zum Teil selbst Kinder. Eines Morgen geht Robert, der Familienvater, wie jeden Morgen zum Kiosk, um die Zeitung zu holen, kehrt jedoch nicht zurück.

Die Familie steht nun vor dem Rätsel, was aus dem Vater geworden ist. Dass er nicht tot ist, scheint klar, er hat vor seinem Weggehen auch noch Geld abgehoben, hat sich also anscheinend absichtlich ohne ein Wort aus dem Staub gemacht. Doch wo ist er hin, warum hat er nichts gesagt? Es beginnt also eine Spurensuche, welche die ganze Familie schließlich nach Irland führt, auf den Spuren der Geheimnisse der Familie.

Soweit die Rahmenhandlung. Das eigentlich Spannende an dem Roman, so finde ich, sind die Beziehungen der Familienmitglieder. Im Laufe des Romans erfährt man immer mehr über die einzelnen Personen, fast nebenbei wird die Geschichte des Einen oder Anderen eingefügt, werden Kindheitsepisoden erzählt oder den Gedanken einer Person gefolgt. Die Aufmerksamkeit des Erzählers fließt zwischen der Rahmenhandlung, den Einzelpersonen und den Bruchstücken ihrer Vergangenheit hin und her. Die Informationen werden langsam und verstreut offenbar und so ergibt sich ein immer klarer werdenedes Bild der Familie und ihrer Beziehungen.

Ich finde es bemerkenswert, wie glaubhaft und rund alle Charaktere sind. Es sind Menschen, die jeder kennt oder kennen könnte, Menschen wie du und ich. Sie haben ihre Fehler und Macken, sie tragen alte Wunden mit sich herum, sind gefangen in alten familiären Mustern, sie hassen und sie lieben sich. Der Blick der Mutter auf ihre erwachsenen Kinder ist sehr treffend, sie sieht sie immer noch als Kinder, erkennt alte Verhaltensweisen und Rollenspiele und ist und bleibt ihre Mutter, ohne jedoch selbst an Persönlichkeit zu verlieren oder von Fehlern frei zu sein. Die Konflikte der Geschwister sind so real und präsent, dass man sich mühelos mit ihnen identifizieren kann.

Als sich die Geschichte ihrer Auflösung näherte, war ich zunächst ein bisschen enttäuscht darüber, wie unspektakulär die Erklärung für das Verschwinden des Vaters ist, wie wenig dramatisch das große Geheimnis der Familie (zumindest aus meiner Sicht). Dann habe ich aber darüber nachgedacht, wie wenig dramatisch doch eigentlich all die Probleme und Konflikte sind, die wir Menschen häufig mit uns herum schleppen. Wie oft sind es Kleinigkeiten, an denen unser Herz hängt. Lappalien, über die wir uns aufregen und kleine Streitereien, die plötzlich zu riesigen unüberwindbaren Differenzen führen. Die Dramen der Menschheit liegen oftmals im Detail, im Kleinen. Denn wenn man so will, sind wir und unsere Schicksale doch auch so klein und unbedeutend.

Ich finde den Roman jedenfalls absolut empfehlenswert und auch sehr gut geschrieben. Die Autorin spricht eine klare Sprache, die mich persönlich sehr anspricht. Und mit 348 Seiten ist das Buch auch nicht zu dick fürs Sommergepäck 🙂

Hast du das Buch auch gelesen? Wie war dein Eindruck davon? Ich freue mich über deinen Kommentar und auch über Leseempfehlungen!

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