Alltag · Leben · Psychologie

(K)ein Grund zur Panik

Ich habe mir in den letzten Wochen ab und zu meine Blog Statistik angesehen und dabei bemerkt, dass der mit Abstand am Häufigsten aufgerufene Post mein Eintrag über Panikattacken ist. Die meisten Referrer kommen dabei von Suchmaschinen. Es scheint also, als sei dieses Thema für viele Menschen sehr interessant. Das ist nicht weiter überraschend. Ich denke, wenn wir wüssten, wie viele Menschen in unserer Umgebung mit Ängsten und Panikattacken zu tun haben, mehr oder weniger regelmäßig und intensiv, dann würde es uns glatt die Schuhe ausziehen. Seit ich selbst begonnen habe, meine Ängste wahrzunehmen habe ich mit den verschiedensten Menschen darüber gesprochen und es ist mir kein einziges Mal passiert, dass jemand damit nichts anzufangen wusste, kein Verständnis aufbrachte oder selbst davon betroffen war (oder zumindest eine nahestehende Person davon betroffen war).

Der oben verlinkte Post ist nun schon fast anderthalb Jahre alt. Und in dieser Zeit hat sich natürlich einiges getan. Ich möchte daher heute ein kurzes Update schreiben, wie es mir heute geht und was mir geholfen hat. Wenn man gerade mittendrin steckt in der Angst, dann kann es sich anfühlen, als ob es nie vorüber gehen würde. Als ob man nie mehr völlig frei lachen könnte und als ob die Sorgen, die man sich macht, einen auffressen. Es ist schrecklich bedrückend und es erscheint aussichtlos. Das Leben ist zum ständigen Kampf geworden, ein Leben im Schützengraben, immer auf der Hut, auf der Flucht, auf der Suche nach neuen Methoden, um der Angst Herr zu werden, Sicherheitsmaßnahmen, um jeglichen Gefahren vorzubeugen. Dieser Zustand ist anstrengend, er zehrt an einem  und belastet die Seele.

don't lose yourself
Bildquelle: https://www.pinterest.com/pin/131026670381767446/

Im März 2014, als ich den Post „Endlich ein Grund zur Panik“ veröffentlicht habe, war ich gerade ein bisschen auf dem Weg der Besserung. Trotzdem war es noch sehr dunkel um mich, ich war gefangen in meiner Angst und ihren Mustern und fühlte mich angreifbar und verletztlich, schwach und freudlos. Ich hatte ein paar Monate zuvor eine Therapie begonnen und ich bemerkte schon erste Fortschritte, aber es ging langsam und ich fühlte mich noch lange nicht wie ich selbst. Aber ich merkte, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte und dass die Therapie mit guttat und half.

Das Wichtigste für mich war die Erkenntnis, dass sich alles nur in meinem Kopf abspielt. All die Gefahren, die ich sah, alle Ängste und Sorgen waren und sind nicht real. Das ist zunächst ein harter Brocken, aber wenn man diesen Gedanken verinnerlicht hat, dann macht es vieles leichter. „Fehlt Ihnen jetzt etwas? Genau in diesem Moment? Gibt es genau jetzt gerade ein Problem?“ fragte meine Therapeutin. Die Antwort war nein. Ich saß auf ihrem Sofa, es war warm im Zimmer, ich war sitt und satt und es bestand kein Anlass zur Sorge. „Dann ist doch alles prima“ sagte sie. Zunächst verstand ich nicht recht. Aber nach und nach (und im Laufe so einiger weiterer Sitzungen) wurde mir klar, dass das Geheimnis darin liegt, sich mehr auf den Moment zu konzentrieren, zu fühlen, statt zu denken. Gedanken sind ausgedacht. Noch so eine anfangs absurde und dann zunehmend Sinn ergebende Weisheit.

Was mich ängstigte, war nicht real. Es waren Katastrophenszenarien, die ich mir ausmalte, die meine Gedanken mir zutrugen und auf die mein Geist sich stürzte wie ein Hungernder auf einen Laib Brot. Es waren meine eigenen Ideen und Vorstellungen, die mir die Lust raubten. Denn meine Panikattacken äußerten sich vor allem in einem Gefühl der Atemnot. Zu den schlimmsten Zeiten hatte ich fast ständig das Gefühl, keine Luft zu bekommen, es schnürte mir andauernd die Kehle zu. Mit der Zeit konnte ich loslassen und die Atmenot verschwand fast völlig. Manchmal taucht sie auch heute noch auf. Ich weiß dann aber, dass sie nicht echt ist. Dass mein Körper mir einen Streich spielt. Ich habe gelernt, weniger auf meine Gedanken zu hören. Wenn ich heute eine Panikattacke habe, versuche ich einfach, sie weitestgehend zu ignorieren. Das passiert aber heute höchstens alle paar Monate mal.

Ich bin noch immer grüblerisch und mache mir viele Gedanken und hege viel zu viele Befürchtungen. Übrigens ist das eine sehr treffende Redewendung, denn sie drückt genau das aus, was wir unbewusst tun. Wir hängen an unseren Sorgen, wie hegen und pflegen sie und kümmern uns darum, dass sie wachsen und gedeihen. Das Problem ist, dass wir uns dessen nicht bewusst sind. In meiner Therapie habe ich gelernt, genau darauf zu achten und mich selbst zurück zu halten. Ich versuche jetzt, meine Befürchtungen nicht weiter zu nähren, sondern sie vielmehr vorbei ziehen zu lassen. Das erfordert viel Geduld und Übung und es ist mir noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen. Ich arbeite aber weiter an mir und bin voller Hoffnung, meine Muster immer weiter loslassen zu können und dann ein freieres und glücklicheres Leben zu führen. Ich habe es selbst in der Hand, und das ist Segen und Fluch zugleich.

Sich mit Panik und Angststörungen zu plagen ist nicht leicht und sich davon zu befreien ist kein Spaziergang. Es erfordert Geduld, man muss viel üben und sich viele Dinge immer und immer wieder bewusst machen. Aber es ist möglich. Ich glaube fest daran, dass ich immer weniger Angst und Zweifel haben werde. Und ich bin mir sicher, dass jeder andere Mensch das auch schaffen kann. Vor allem der Anfang ist schwer und eine Therapie zu machen hat auch heute noch immer einen leicht negativen Beigeschmack in der Gesellschaft. Es ist eine Art Schwäche, eine Überforderung mit dem eigenen Leben. Das stimmt auch, jedenfalls in meinem Fall. Aber fest steht, dass nicht die Therapie die Schwäche ist. Festzustellen, dass man ein Problem hat und dieses in Angriff zu nehmen, sich ilfe zu holen und an sich zu arbeiten ist eine sehr mutige Entscheidung und erfordert viel Stärke und Vertrauen. Ich kann nur sagen, für mich hat es sich gelohnt, es geht mir heute unvergleichlich viel besser, als vor etwa anderthalb Jahren. Und es geht weiter bergauf!

Hast du auch Erfahrungen mit Angst oder Panik? Steckst du mittendrin oder hast du die Angst überwunden? Ich freue mich, wenn du deine Erfahrungen hier teilen möchtest.

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8 Kommentare zu „(K)ein Grund zur Panik

  1. Danke für deinen tollen Post. Ich freue mich, dass dir die Therapie bei deinen Ängsten so geholfen hat.

    Ich bemühe mich , meinen Ängsten immer mit Mut zu begegnen. Mut ist das Überwinden von Angst, aber nicht dessen Abwesenheit. Ich bin im ständigen Training, gerade Angst behaftete Situationen zu meistern, auch wenn mein Herz rast und meine Hände feucht werden. Wenn ich sie dann trotzdem positiv gemeistert habe, bin ich umso stolzer. Positive Verstärkung sozusagen. Beim nächsten Mal geht es dann schon leichter, usw. Ich arbeite ja als Kanzleileiterin, obwohl ich vor rd. 3 Jahren, als ich anfing, noch total ungern telefoniert habe. Ich hatte Angst davor. Dabei muss ich das fast täglich tun. Mittlerweile habe ich in der Arbeit überhaupt keine Probleme mehr damit, weil ich mich tagtäglich mit dieser Situation auseinandersetzen muss. Desensibilisierung sozusagen.

    Herzliche Grüße,

    Caroline

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    1. Liebe Caroline,
      Es freut mich, dass er dir gefallen hat 🙂 das ist auch ein sehr wichtiges Thema, das du ansprichst. Man neigt ja gerne dazu, Situationen, die einem unangenehm sind oder Angst machen zu vermeiden. Das führt aber nur dazu, dass die Angst sich tiefer fest setzt und eingräbt und es wird immer schwieriger, sie zu bekämpfen. Ich versuche auch, mich nicht von Angst und Zweifeln leiten zu lassen. Sondern von Freude und Hoffnung. Das sind die besseren Weggefährten 🙂
      Liebe Grüße
      Anna

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      1. Ja, Anna, Freude und Hoffnung sind wirklich bessere Gefährten. Da stimme ich dir voll und ganz zu. Vielleicht noch etwas Humor, Zuversicht und ein bisschen Leichtigkeit. 🙂

        Liebe Grüße,
        Caroline

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  2. Tatsächlich ist dieses Thema weit verbreitet. Ich bekomme es auch oft „mit der Angst zu tun“ was bei mir aber leider auch noch gepaart mit depressiven Stimmungen auftritt. Das heißt noch lange nicht dass ich ein Psycho bin oder so. Im Gegenteil, diese „Krankheit“ wurde bei mir verhältnismäßig früh festgestellt. Klar könnte ich mich jetzt noch weiter in meinem Loch verkriechen, aber ich bin mittlerweile sogar dankbar dafür dass ich schon sehr früh lernen durfte mit dieses Angst-, Panik- und depressiven Sitationen umzugehen. Denn somit habe ich schon lange „trainieren“ können damit umzugehen. Ich sage heute: seit bereits ca. 5 Jahren trainiere ich damit zu leben. Ich habe keine Familie, eigentlich keine Verpflichtungen und geniesse den Luxus mich komplett auf mich konzentrieren zu dürfen. Andere Leute stellen erst mit Anfang 30 oder noch später fest, dass sie unter Angstzuständen und Panikattacken leiden. Ich stelle mir vor, dass es schwieriger ist DANN damit klar zu kommen, weil man dann mitten im Leben steht, eventuell Familie, Kinder, Ehepartner hat ….

    Generell gilt aber immer: stelle dich deinen Ängsten, denn alles was dich nicht umbringt macht dich stärker! Und diese „Mantra“ hat mir bereits aus so manchem Loch heraus geholfen!

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    1. Ich sehe das ganz ähnlich wie du. Es gibt so viele Menschen in jedem Alter, die mit diesen Dämonen zu kämpfen haben. Viele stellen sich der Angst erst sehr spät oder sogar nie wirklich und lassen zu, dass die Angst ihr Leben bestimmt. Erst wenn man sich wirklich damit beschäftigt kann man das Ausmaß begreifen, in dem die Furcht das Leben und die eigenen Entscheidungen beeinflusst. Und nur dann kann man lernen aktiv dagegen zu steuern. Ich bin total froh, dass mir all das klar geworden ist und ich nun meine Ängste besser einordnen und immer weiter zum Schweigen bringen kann. Ich finde das sehr befreiend 🙂

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  3. Ich entdecke gerade erst deinen Beitrag. Und fühle mich angesprochen.
    Ich war auch ein „Kind der Angst“ und ich glaube das ich dies oft noch ausstrahle. Da ja in mir immer noch Ängste wohnen. Aber weißt du, ich versuche mich auch voller Mut den Ängsten zu stellen und dann stolz und überrascht über mich zu sein. So etwas wie ein kleiner Kampf dagegen. Eine Mission drückt es besser aus! Und ich denke, dass es auch hlilft zu manchen Ängsten zu stehen und sich zu sagen: „Hey! Das gehört zu mir! Das macht mich aus und macht mich so wunderbar!“ Weil genau das ist für mich auch Stärke! Ich glaube wir müssen viel mehr an uns glauben und versuchen vorwärts zu leben und den Rest des Weges hinter uns zu lassen. Aber das ist schwer. Wir schaffen das =) !

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    1. Das hast du gut gesagt. Es ist manchmal noch ein kleiner Rückschlag, wenn ich merke, dass ich wieder in meine ängstlichen Muster falle. Aber ich denke mir, dass ich eben in meinem eigenen Tempo loslasse. Und nur was man annehmen kann, das kann man auch überwinden.
      Es hilft mir auch zu wissen, dass es anderen Menschen auch so geht und ich nicht die einzige bin, die viel zu sehr mit dem Kopf beschäftigt ist 🙂

      Gefällt 1 Person

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