Alltag · Leben

Ene mene muh – der hat was, das willst du

Vor einiger Zeit habe ich beschlossen, Spiegel zu fasten. Das klappt nicht immer und ich ziehe es nicht allzu strikt durch. Aber ich habe gemerkt, dass es mir geholfen hat, meinen Körper anders wahzunehmen. Wie wahrscheinlich viele andere Menschen auch neige ich nämlich dazu, mich selbst sehr kritisch zu betrachten. Ich stehe also, meistens am frühen Morgen, vor dem Spiegel und betrachte mich. Und was finde ich? Mängel, Falten, Cellulite, Speckpölsterchen, Pickel. Von Augenringen und fettigen Haaren ganz zu schweigen. Was finde ich nicht? Schönheit. Dumm gelaufen. Dabei bin ich echt gar nicht so hässlich, wie man jetzt denken könnte.

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Bildquelle: https://www.pinterest.com/pin/186336503308297875/

Das Problem ist wohl, dass ich meinen Blick auf das richte, was mir nicht gefällt. Das Negative springt ins Auge. Ich erwarte ja schon regelrecht, mein Spiegelbild hässlich vorzufinden. Nun gut, ich ziehe mich also an, lege etwas Makeup auf, bürste meine Haare und verlasse das Haus. Und was sehe ich nun? „Die hat aber eine schöne Oberweite“, „Schau mal diese Beinchen“, „Mensch, was für ein schicker Pulli!“. Und während ich so voll Bewunderung für Andere bin, schwindet auch die letzte Nettigkeit mir selbst gegenüber.

Das Spiegelfasten hat dabei schon deutlich geholfen und ich strenge mich auch immer sehr an, mich nicht dem Vergleichen hinzugeben. Aber das fällt schwer, nicht nur im Bereich der Äußerlichkeiten. Es gibt immer jemanden, der mehr Geld verdient, den schöneren Urlaub macht, den interessanteren Job hat, die kreativeren Hobbies. Die Liste ist quasi endlos.

Kürzlich habe ich gelesen, dass eine der am Häufigsten nachgefragten Schönheitsoperationen inzwischen die Verkleinerung der inneren Schamlippen ist. Viele Frauen haben offenbar Komplexe, weil ihre inneren Schamlippen groß sind und nicht von den äußeren verdeckt werden. Ich finde das unfassbar. Wenn wir nun schon so weit sind, die intimsten Körperteile mit Normen zu versehen und sie mit denen von Anderen zu vergleichen, was bedeutet das? Einerseits ist es ein krasser Vorstoß in die Intimsphäre. Und andererseits, wie weit wollen wir noch gehen? Welche Optimierungen wollen wir noch an uns vornehmen? Wie wichtig ist es wirklich, dass ein bestimmtes Körperteil möglichst groß oder klein, dick oder dünn ist? Es gruselt mich, wenn ich darüber nachdenke und wenn mir klar wird, wie tief dieses Vergleichen in uns verankert ist.

Ganz automatisch scannen wir andere Menschen und sehen ihre Vorzüge und Makel. Wie in einer Pro und Kontra Liste wird dann abgehakt, in welchen Punkten das Gegenüber uns voraus ist und in welchen wir selbst überlegen sind. Wozu soll das nützen? Macht es uns glücklicher? Wohl kaum, denn sicherlich findet sich immer irgendetwas, das uns schlecht dastehen lassen könnte. Macht es Spaß? Auch das ist aus meiner Sicht zu verneinen. Auch sonst kann ich keinen Mehrwert erkennen. Wenn überhaupt, dann führen Vergleiche zu Minderwertigkeitsgefühlen und dazu, dass Menschen in Schubladen eingeordnet werden. Und wer da erstmal drin steckt kommt so schnell nicht mehr raus.

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Bildquelle: https://www.pinterest.com/pin/62698619785369265/

Ich möchte weiterhin versuchen, das Vergleichen einzustellen. Stattdessen möchte ich mir selbst und meinem Körper mehr Liebe entgegen bringen. Und ich möchte andere Menschen ansehen und sie nicht kategorisieren, nicht darüber nachdenken, ob sie schöner, beliebter, reicher sind als ich. Sondern sie einfach so hinnehmen, wie sie sind und mir selbst den gleichen Luxus gönnen. Letztendlich bin ich die Einzige, die mit mir, meinem Körper, meiner Gesundheit, meinen Leuten, meinem Geld, meinem Leben leben muss. Ich sollte also auch die einzige sein, für die all diese Dinge eine Rolle spielen. Und somit spielen Aussehen, Liebe, Gesundheit und Leben anderer Menschen auch für mich keine Rolle.

Ist es nicht seltsam, dass wir Menschen die allermeiste Zeit unseres Lebens so auf uns selbst fixiert sind, auf unsere eigene Welt reduziert, unsere Gefühle, Gedanken und Bedürfnisse für uns alles sind. Und gleichzeitig nehmen wir uns so viel Zeit, um auf Andere zu schauen und sie um ihre Besitztümer und Errungenschaften zu beneiden? Wie viel wir erreichen könnten, wenn wir unsere Energie mehr auf uns selbst richten oder sie nutzen würden, um anderen zu helfen und gemeinsam etwas zu schaffen.

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