Lust auf...

Wo bleibt die Wahrheit in Gedanken?

Auf Empfehlung einer Freundin habe ich angefangen, die Serie „The Affair“ zu schauen. Ich bin erst bei der zweiten Folge, aber schon jetzt bin ich total gefesselt. Die Geschichte handelt von einer Affäre und gezeigt wird, wie die Dinge ihren Lauf nehmen, wie die Betrügenden einander zum ersten Mal begegnen und wie es von da an weiter geht. Das Besondere daran ist, dass jede Folge zuerst aus der Perspektive des Mannes, Noah, und dann aus der Perspektive der Frau, Alison, erzählt wird. Es werden also die Ereignisse jeder Folge doppelt erzählt, jeweils aus der Erinnerung der Figuren. Und natürlich unterscheiden sich diese Erinnerungen voneinander. Eingebettet ist das Ganze in den Rahmen einer polizeilichen Befragung. Hin und wieder gibt es Prolepsen (diesen Begriff musste ich zunächst googeln. Es ist das Gegenteil einer Rückblende 🙂 ), die Noah und Alison bei einem Verhör zeigen.

Nachdem nun mein Interesse an dem Thema und an der Show geweckt war, habe ich ein bisschen recherchiert, wie die Serie online rezipiert wird, Es ist dabei viel von der „männlichen“ und der „weiblichen“ Perspektive die Rede. Natürlich unterscheiden sich diese beiden deutlich. So ist in Noahs Wahrnehmung etwa Alsion die lasterhafte Verführerin, während sie sich daran erinnert, dass die Initiative eindeutig von ihm ausging.

wahrheit lüge
Bildquelle: https://www.pinterest.com/pin/472666923361387404/

Sicher, die Perspektiven der Hauptfiguren sind unterschiedlich, letztlich will vielleicht auch jede Figur vor sich selbst die Affäre damit rechtfertigen, schließlich vom Anderen verührt worden zu sein. Ich finde allerdings, dass die Serie eine viel tief gehendere Frage aufwirft als die nach der geschlechterspezifischen Wahrnehmung und zwar: Was ist wahr?

Sowohl Noah als auch Alison sitzen einem Polizeiinspektor gegenüber und müssen Fragen beantworten, ihre Situation und Handlungen schildern. Und obwohl beide die selben Ereignisse erlebt haben und von den gleichen Begebenheiten sprechen, unterscheiden sich die Bilder nicht nur in den Details. Wo also liegt die Wahrheit? Irgendwo in der Mitte wohl, wie eigentlich immer. Und doch. Woher kommen die Unterschiede in der Erzählung der Figuren? Sind es Lügen, oder hat eben doch jeder seine eigene Wahrheit? Sind die Erinnerungen bereits verblasst, so dass die wahre Situation längst von den gedachten und bewerteten Ereignissen überlagert ist?

Unsere Erinnerung besteht aus so viel mehr als nur dem tatsächlich Geschehenen. Ein und die selbe Situation kann sich für verschiedene Beteiligte vollkommen anders anfühlen, wird also mit ganz anderen Attributen belegt und dann in völlig verschiedenen Kategoerien eingeordnet. Ist das nicht verrückt? Sobald eine Situation passiert ist und sozusagen den Weg von der Straße in deinen Kopf gefunden hat, ist sie nicht mehr wahr. Sie wird zu deiner persönlichen Wahrheit, mit deinen Gedanken und Bewertungen vermischt, deinen Kontrollmechanismen unterzogen und in eine Schublade gesteckt. Ich stelle mir das ein bisschen so vor wie an einem Fließband, an dem viele kleine Roboter arbeiten und eine Erfahrung so lange drehen, wenden und polieren, bis sie in die vorgesehene Schublade passt. Und dann? Schublade zu natürlich.

Wo also bleibt die Wahrheit? Gibt es überhaupt so etwas wie eine Wahrheit in Gedanken?

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