Alltag · Leben

Nur Mut

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Bildquelle: https://www.pinterest.com/pin/423760646166747864/

Ich war schon als Kind eher von der ängstlichen Sorte. In dem kleinen Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, gab es im Sommer immer einen Eiswagen, der am Nachmittag durch unsere Straße fuhr. Jeden Nachmittag versammelten ich und meine Freunde uns also vor dem Eiswagen und jeden Nachmittag schleckte ich genüsslich das gleiche Eis – eine Kigel Vanille und eine Kugel Schoko. Der Eismann kannte uns Kinder natürlich mit der Zeit beim Namen und schäkerte immer ein bisschen mit uns. Ich weiß nicht, wie es dazu kam, aber irgendwann fing der Mann aus dem Eiswagen an, mich immer „Hanna“ zu nennen, statt bei meinem richtigen Namen, Anna, den er zweifellos kannte. Und obwohl ich wusste, dass er nur Spaß machen wollte, war ich dadurch total verunsichert. Heute kann ich mir das nicht mehr recht erklären, aber damals war diese Neckerei für mich richtig schlimm. Es führte soweit, dass einer meiner Freunde immer das Eis für mich bestellen musste, weil ich befürchtete, der Eismann würde mich wieder mit dem falschen Vornamen anreden und ich müsste ihn wieder verbessern, was für mich eine schreckliche Vorstellung war.

Was genau mein Problem mit dem Eismann und den falschen Vornamen war, kann ich wirklich nicht mehr nachvollziehen. Ich erinnere mich aber noch gut an das Gefühl, das ich hatte. Es war eine Mischung aus Scham und Angst, also ein echtes Scheißgefühl. Mein Eis habe ich zwar immer bekommen. Aber ich konnte dem Eiswagen nie mit Freude entgegen sehen. Trotzdem, das Ergebnis bleibt das Gleiche – ich hatte mein Eis. Ziel erreicht.

Auch heute bin ich kein sehr extrovertierter Mensch (aber ich arbeite dran). Das kleine Mädchen, das schüchtern vor dem Eiswagen steht, steckt immer noch irgendwo in mir. Natürlich können gewisse ängstliche Verhaltensweisen, die bei einem achtjährigen Mädchen noch wohlwollend übersehen und gesellschaftlich akzeptiert werden, bei einer jungen Frau nicht mehr angehen. Heutzutage sind es auch andere Dinge, die mir den Schweiß ausbrechen lassen. Vor vielen Menschen zu sprechen zum Beispiel, oder plötzlich der Fokus der Aufmerksamkeit zu sein.

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Bildquelle: https://www.pinterest.com/pin/423760646166747865/

Ein weiterer Unterschied zu früher ist, dass ich ängstliche Verhaltensweisen an mir selbst nicht mehr tolerieren möchte. Viel lieber möchte ich mich was trauen. Etwas ausprobieren, bei dem ich mich nicht ganz wohl fühle. Mit dem Mut ist es ja immer so eine Sache. Angst haben oder Ausreden erfinden ist viel leichter, als den Mut aufzubringen, etwas zu tun, wobei einem auch nur ganz leicht unwohl ist. Aber wie schon in dem Beispiel mit dem Eis macht es fast keinen Unterschied im Endergebnis, ob man etwas gerne tut oder mit einem Grummeln im Magen. Am Ende ist es getan. Doch wenn es gelingt, weniger die Furcht regieren zu lassen und stattdessen vielleicht die Freude über das, was man gerade tut oder die Aufregung darüber, dass man es tut, dann ist es nur noch halb so schlimm.

Für übernächsten Monat habe ich mich zu einem Stimmbildungs-Seminar angemeldet. Und auch, wenn das ein wenig außerhalb meiner Komfortzone liegt, ist meine Neugier und mein Interesse daran viel größer, als mein Unwohlsein bei dem Gedanken, ganz alleine an einem Seminar teil zu nehmen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die anderen Teilnehmer dort auch alleine hinkommen werden, ist schließlich auch recht hoch. Und selbst wenn nicht – ich besuche das Seminar letztendlich ja wegen der Inhalte. Und alleine der Gedanke, dass ich recht entspannt zu so einem Seminar gehen kann, macht mich total happy, denn ich weiß, dass es nicht immer so war. Ich weiß, dass ich einmal ein kleines Mädchen vor einem Eiswagen war, das sich nicht einmal selbst seine Eiskugeln bestellen konnte.

Diesem Mädchen möchte ich sagen: Nur Mut! Und wenn du heute noch keinen Mut hast, dann versuch es morgen noch einmal. Eines Tages wird der Tag kommen, an dem Schüchternheit und Angst nicht mehr dein Handeln bestimmen. Auch, wenn es noch ein bisschen dauert bis dahin. Aber der Weg lohnt sich. Verlier nicht den Mut, du wirst es schaffen. Hab Vertrauen und gib nicht auf. Dein Leben wartet nur darauf, von dir gelebt zu werden und es macht so viel Spaß!

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2 Kommentare zu „Nur Mut

  1. Liebe Anna ! Ich verstehe dich gut, mir geht es oft ähnlich wie dir. Ich finde es sehr mutig von dir, dass du zu so einem Stimmbildungskurs gehen wirst. Bitte berichte doch danach, wie es dir dabei ergangen ist. Würde mich echt interessieren. Ich wünsche dir jedenfalls viel Spaß dabei.

    Mut heißt seine Ängste zu überwinden, nicht keine zu haben. 🙂

    Mir hat damals das Jahr als Masseurin sehr geholfen, selbstsicherer und selbstbewusster zu werden. Sonst wäre ich heute nicht so, wie ich bin. Arbeit mit Menschen hilft sehr, seine Ängste zu überwinden.

    Herzliche Grüße aus Wien,

    Caroline

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