Leben · Psychologie

Der Blick aus dem Schneckenhäuschen

In einem meiner letzten Posts habe ich erzählt, dass ich als kleines Mädchen zu schüchtern war, um bei dem Eismann, der im Sommer täglich in unsere Straße gefahren kam, selbst mein Eis zu bestellen. Wenn ich den Wagen kommen sah, bat ich schnell einen meiner Freunde, mein Vanille- und Schokoeis für mich zu bestellen. Ich war nie jemand, der gerne im Mittelpunkt steht, der die Aufmerksamkeit auf sich ziehen möchte. Ich war auch keine Angeberin, vielmehr habe ich gute Leistungen vor Gleichaltrigen eher verschwiegen, weil ich keine Streberin sein wollte.

Vor Gruppen zu sprechen fiel mir noch nie leicht und ich war immer lieber diejenige, die mitlacht, als diejenige, die selbst den Witz reißt. Und niemals hätte ich mir vorstellen können, jemanden nach seiner Telefonnummer zu fragen oder um eine Verabredung zu bitten (und ich rede nicht von potenziellen Dates, sondern nur von lockeren und zwanglosen Verabredungen zum Kaffee mit potenziellen Freundinnen oder so).

SchüchternIrgendwie hatte ich vielleicht einfach das Gefühl, es nicht zu verdienen. Ich betete negative Glaubenssätze vor mich hin wie zum Beispiel „mich mag eh niemand“ und „ich bin einfach nicht interessant genug“. Nachdem es mir nun gelungen ist, das zunehmend loszulassen habe ich festgestellt, dass es nicht stimmt. Es gibt Menschen, die mich mögen und die mich auch von Anfang an sympathisch finden. Bestimmt nicht jeder Mensch, dem ich begegne, würde gerne mit mir Kaffe trinken (gilt auch umgekehrt). Aber ich bin auch bei Weitem nicht so wenig liebenswert und stattdessen so ungemein langweilig, wie ich mir immer eingeredet habe.

Und was für mich gilt, das gilt ganz sicher auch für Andere. Also für all die anderen schüchternen Menschen in ihren kleinen Schneckenhäuschen, die Mauerblümchen, die im Schatten wachsen, statt sich in die Sonne zu trauen und zu zeigen, wie schön sie blühen können. Für mich war es ein langer Weg, die Schüchternheit immer mehr abzulegen. Aber ohne sie fühle ich mich viel besser, selbstbewusster und sicherer. Ich habe immer noch ein gutes Stück des Weges vor mir, aber ich habe gelernt, mir zu vertrauen. Hier sind also meine Tipps zur Bekämpfung der Schüchternheit.

  1. Es fängt im Kopf an

Schüchternheit ist ja sowieso nur in deinem (oder in meinem) Kopf. Meistens sind da Gedanken, was Andere von dir halten, wie sie das finden, was du sagst. Ob das jetzt blöd klang, ach das hätte ich lieber so sagen sollen. Und überhaupt, was wollen die Leute schon von mir, ich bin einfach nicht interessant genug. All diese Ideen dürfen losgelassen werden. Jeder hat es verdient, dass man ihn kennen lernt und jeder hat etwas Schönes und Einzigartiges zu bieten. Das schließt auch uns schüchterne Angsthäschen mit ein. Für mich war es auch sehr wichtig mir immer wieder klar zu machen, dass niemand so viel über mich nachdenkt, wie ich selbst. Auch wenn ich finde, dass ich mich in einer Situation doof verhalten habe, ist es sehr wahrscheinlich, dass die andere Person der Situation nicht halb so viel, nicht einmal ein Viertel so viel Bedeutung beimisst, wie ich selbst. Und damit ist die Sache auch gleich halb so wild.

2. Freundlichkeit

Der nächste Schritt ist Freundlichkeit. Einfach nett sein zu den Menschen, die man im Alltag um sich herum hat. Damit kann man nichts verkehrt machen, freundliche Menschen kommen einfach gut an. Lächeln, grüßen, fragen wie das Wochenende war. Du musst auch nicht unbedingt viel reden. Die meisten Menschen sprechen gerne über sich selbst oder freuen sich über kleine Gesten (z.B. Tür aufhalten). Wenn es dir schwerfällt, Gesprächsthemen zu finden, sind offene Fragen dein Freund. „Wie läuft’s?“, „Wo kommst du her/Wo gehst du hin?“, „Hast du am Wochenende was Schönes gemacht/was Schönes vor?“. Zur Not kann man immer noch über das Wetter reden. Erwarte nicht zu viel. Wenn sich kein Gespräch entspinnt, ist das nicht dein Fehler. Es braucht schließlich auch immer mindestens zwei Gesprächspartner und nicht immer gerät man an Menschen, die solchen Smalltalk mögen. Ich finde es aber eine gute Möglichkeit um sich langsam an Gespräche mit Fremden oder nicht so Vertrauten Menschen zu gewöhnen und einfache Muster der Kommuniktaion zu üben. Denn auch hier gilt – Übung macht den Meister.

3. Langsam raus aus der Komfortzone

Für mich waren die beiden oben genannten Schritte total wichtig und auch sehr neu. Ich habe gemerkt, dass ich mir viel zu lange selbst im Weg gestanden habe und mir einfach immer erzählt habe, dass ich eben eher zurückhaltend bin, dass ich keine neuen Freundschaften knüpfen kann, dass ich keine anregende Gesellschaft für andere Leute sein kann. Ich hatte es in meinen Augen gar nicht verdient, aus mir heraus zu gehen und mich den Menschen wirklich zu zeigen. Besser ich blieb da in meinem Schneckenhäuschen drin. Da war es warm und sicher und es gab keine unangenehmen Blicke. Aber es war auch ziemlich einsam dort drin. Klar, war ja auch nur Platz für mich alleine.

Ich habe dann gemerkt, wie ich mich langsam immer mehr von den negativen Glaubenssätzen verabschiedet habe und langsam sicherer und selbstbewusster wurde. Es war nicht mehr so schwer für mich, mit Leuten in Kontakt zu treten und einfach belanglose Gespräche zu führen. Das ist ein erster Schritt, um sich den Menschen anzunähren. Man muss mit ihnen sprechen. Ich habe das immer mehr geübt und auch Spaß daran gefunden. Immer weiter habe ich mich aus dem Schneckenhaus getraut und die Reaktionen der Umwelt waren durchweg positiv, was mich noch weiter bestärkt hat. Ich konnte auch immer mehr von mir selbst zeigen und habe gemerkt, dass ich nicht mehr als schüchtern und profillos wahrgenommen wurde. Das macht einfach viel mehr Spaß, als sich selbst auszugrenzen.

Wie schon gesagt ist der Weg noch lang und ich muss immer weiter an mir arbeiten. Ich spüre aber, dass es mir gut tut und ich damit glücklich bin. Es fällt mir nicht mehr schwer, und das ist ein sehr schönes Gefühl.

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4 Kommentare zu „Der Blick aus dem Schneckenhäuschen

  1. Das klingt nach mir….bis jetzt hab ich mir das Rotwerden behalten wenn mich jemand unerwartet anspricht, vor mehreren Menschen…Ich war immer schüchtern…ich hätte bestimmt bessere Noten gehabt wenn dem nicht so wäre….die Noten sind gut….aber das mündliche fehlte halt immer…das war auch beim Studium so…..Einen grossen Teil meiner Schüchternheit musste ich damals mit der Ausbildung ablegen..ich habe Zahnartzhelferin gelernt und da wollen die Leute von ihrer Angst abgelenkt werden….also muss man sprechen….dann hab ich gewechselt und hab auch da viel Kundenverkehr gehabt….der letzte Rest hat mir mein Wechsel zum Paketdient gegeben (wegen des Studiums)….da arbeiten viele Männer und da kommt man schüchtern garnicht weiter….viel Stress und Druck….da wird sich angeschnauzt und gebrüllt….wow….was für eine andere Welt….aber das hat mir den letzten Schliff gegeben…also bei mir war es gezwungener Massen Lebensnotwendig …und Du hast Recht…es ist befreiend….

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    1. Oh ja das Rotwerden kenne ich auch. Ich versuche das heute eher als charmant zu sehen und anzunehmen, klappt mal besser und mal schlechter.
      Und die mündlichen Noten waren auch immer ein Problem bei mir. Und erst mündliche Prüfungen – schrecklich!
      Es freut mich zu lesen, dass ich damit nicht alleine bin bzw. war und schön, dass du es auch überwinden konntest ♡

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      1. Ja, es schränkt einen unheimlich ein, weil man sich immer wieder fragt was Andere darüber denken und sich dann immer weniger zutraut. Aber wenn man sich weniger Gedanken macht wie das Rotwerden bei Anderen ankommt dann wird man auch viel weniger rot. Eigentlich ganz einfach. Theoretisch 😉

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