Alltag · Leben

Erwachsen werden

Manchmal, wenn ich meine Wäsche aufhänge, komme ich mir plötzlich sehr erwachsen vor. Ich bin nun bald (sehr bald) 28 Jahre alt und trotzdem überrascht mich die Erkenntnis von Zeit zu Zeit, dass ich jetzt ein richtiges Erwachsenenleben führe. Ich habe eine 40-Stunden-Woche, ich habe einen Arbeitsweg und Urlaubstage. Ich habe KEINE Haftpflichtversicherung, was ein fataler Fehler zu sein scheint. Jedenfalls fallen die Menschen meistens aus allen Wolken, wenn ich das erwähne. Und jeder Erstsemesterstudent ist heutzutage offenbar umfassender versichert, als ich. Aber das ist ein anderes Thema.

ErwachsenWenn ich da also so stehe, in meiner Wohnung, für die ich selbst die Miete bezahle. Mit meiner Wäsche, die ich selbst gekauft habe, für die ich das Waschmittel ausgesucht und die ich vor dem Waschen farblich sortiert habe. Dann fühle ich mich komisch. Einerseits erwachsen, organisiert und lebensfähig. Wie ein vollwertiges Mitglied der arbeitenden Bevölkerung, das darauf achtet, mit sauberer Kleidung aus dem Haus zu gehen und die Wäsche möglichst knitterfrei aufzuhängen. Und andererseits bin ich einfach irritiert. Darüber, was aus mir geworden ist. Nämlich: eine Große.

Wann ist das passiert? Wann bin ich so groß geworden? Und warum habe ich das irgendwie nicht mitbekommen? Das Leben ist einfach so dahin gegangen, hat mich mitgenommen, und jetzt schwimme ich in diesem Fluss des Lebens unaufhaltsam aufs Finale zu. Mal lasse ich mich treiben, dann schwimme ich fleißig mit kräftigen Bewegungen. Überlege, ein bisschen gegen den Strom zu schwimmen. Finde es anstrengend und lasse mich wieder treiben. Und immer so weiter.

Irgendwann habe ich auf dieser Flussfahrt den Abschnitt „Kindheit“ hinter mir gelassen und dann den Abschnitt „Jugend“. Vielleicht gehe ich noch als „junge Erwachsene“ durch, aber eins steht fest: ich werde von Teenagern gesiezt. Sogar von Menschen, die gar nicht so viel jünger sind, als ich.

Was aber bedeutet Erwachsen sein denn wirklich? Für mich bedeutet es, Verantwortung zu übernehmen für sich selbst und sein Handeln. Es bedeutet, sich der Konsequenzen und der Wirkung seines Tuns bewusst zu sein. Auf eigenen Beinen zu stehen, sozusagen. Es bedeutet aber auch, alte Beschränkungen loszulassen. Und da liegt für mich der Knackpunkt. Jahrzehntelang haben Andere, vor allem die Familie, bestimmt, was zu tun ist. Als Kind muss man erstmal die Basics des Lebens erlernen. Zieh dich an, putz dir die Zähne, geh ins Bett. Kau nicht mit vollem Mund. Sei schön brav. Hat man das alles soweit verinnerlicht, regen sich Zweifel, ob diejenigen, die zeitlebens die eigene Zubettgehzeit bestimmt haben, damit eigentlich so richtig liegen. Man hinterfragt und lehnt sich auf.

FreiheitUnd dann ist es soweit, flügge werden und das Nest verlassen! Alles anders machen. Atme ein, atme aus. Freiheit. Der Moment des Erwachens folgt häufig schon mit dem ersten verstopften Siphon. Was macht man denn jetzt bloß damit? Am Besten erstmal Papa anrufen. Ich glaube, das ist einer der Schlüsselmomente für die jungen Wilden, die wir einmal waren. Der Moment, in dem wir feststellen, dass die Alten doch gar nicht so unrecht hatten und vielleicht noch viel nützliches Wissen bereithalten. Und für Eltern ist es der Moment in dem sie fühlen, dass ihr großes Kind sie eben doch noch braucht. Zugegeben, in Zeiten von Youtube Tutorials kann man all die Tücken des Haushalts auch ohne elternhäusliche Hilfe meistern. Aber so wie Mama und Papa das machen, das hat ja früher schon geklappt, damit hat man Erfahrung. Lief ja bei denen.

Wann also kommt dann der Moment, der einen zum Erwachsenen macht? Inzwischen glaube ich, dass der von alleine niemals kommt. Ich muss mich entscheiden, erwachsen zu sein. Und das meine ich in einem sehr positiven Sinne. Es scheint mir manchmal, als würde ich auf eine Art Erlaubnis warten. Herzlichen Glückwunsch, Sie haben nun schon viele Jahre Ihre Wäsche selbst gemacht und nun zahlen Sie sogar Ihre eigene Miete. Kraft meines Amtes verleihe ich Ihnen hiermit feierlich Ihr Erwachsenendiplom.

Tja, so läuft es wohl nicht. Muss aber auch gar nicht sein. Denn man braucht keine Erlaubnis, um sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Das zustimmende Nicken aus dem Familien-, Freundes- oder Bekanntenkreis ist vielleicht nice to have. In Wahrheit aber kommt es doch darauf an, dass wir selbst mit dem zufrieden sind, was wir tun. Dass wir unserem eigenen Weg folgen. Auch, wenn man uns nicht applaudiert oder unsere Träume und Wünsche nicht für jeden nachvollziehbar sind. Denn das bedeutet Erwachsenwerden für mich auch. Für sich selbst einzustehen und sich die Erlaubnis zu geben, das eigene Leben zu leben. Bestimmt gibt es immer Menschen, die dafür kein Verständnis aufbringen können. Die unseren Lebenswandel nicht nachvollziehen oder gar nicht gutheißen. Aber als erwachsene Menschen brauchen wir nicht mehr jedermanns Zustimmung und Erlaubnis. Nur noch unsere eigene.

Advertisements

4 Kommentare zu „Erwachsen werden

  1. Gut geschrieben…..Ja…Erwachsen sein….ich war damals entsetzt als ich das erste mal gesiezt wurde von einem Kind…..Dann kam der nächste Schock…ich konnte sagen, vor 10 Jahren war dies und das…..und jetzt….in 6 Jahren klopft die 5 bei mir an….und das ist wirklich unfassbar…..Wann ist man erwachsen…..Ich denke wirklich wenn man einfach seine eigenen Fehler macht….und dann den Papa oder die Mama anruft….:-)

    Gefällt 1 Person

  2. Ha! Ich bin ja vom Herzen wohl so nie ganz erwachsen. Obwohl ich bermekr beim Schreiben das genau dieser Spruch in manchen Erwachsenen zum Rebellen machen möchte. Weil oft Sie diese Menschen, mehr als Erwachsen 😀 Haha! Nunja, ich bin auch 28 und wirke durch meine Art auch oft viel jünger und beruflich muss ich auch desÖfteren in die „Erwachsene- Ebene“ wandeln. Und dann merke ich oft, ok daran kannst du noch mehr arbeiten!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s