Alltag · Leben

Aktion. Reaktion. Über den Umgang mit Reaktionen Anderer

Ich verrate dir etwas über mich. Ich bin kein besonders konflikt- und konfrontationsfreudiger Mensch. Wenn es Streit gibt oder selbst wenn ich mich über etwas ärgere, dann fällt es mir schwer, den Mund auf zu machen. Mit der Zeit ist es besser geworden, aber ich bin nicht gerade jemand, der mit dem Kopf durch die Wand will. Das entspricht auch einfach nicht meinem Wesen, ich lebe lieber in Harmonie und ich bin auch bereit zu Kompromissen.

Wenn ich nun aber in Situationen komme, in denen ich für mich einstehen müsste und das auch möchte, dann wird es knifflig. Es fällt mir dann häufig noch schwer, meine Interessen zu verteidigen. Oder auch meinen Standpunkt. Ich denke sehr schnell „Hm ja ok, gute Punkt. Recht hat er“ oder aber ich denke „Schweinerei, sowas muss ich mir nicht bieten lassen“ und fange an zu heulen. Ja, ich bin eine Wut-Weinerin. Wenn in mir Wut hochkommt, dann fühle ich mich in eine Ecke gedrängt oder ungerecht behandelt und meine Reaktion auf diesen Stress sind dann eben Tränen.

Einmal gab es da zum Beispiel eine Situation bei der Arbeit. Letztendlich hatte es einen Fehler in der Kommunikation gegeben und ich hatte eine Aufgabe nicht erledigt, von der meine Vorgesetzte gedacht hatte, ich habe mich darum gekümmert. Das endete dann so, dass sie sich vor mir aufbaute und mich vor meinen Kollegen zur Schnecke machte. Ihre ganze Wut und ihre Frustation ließ sie über mich herein brechen. Erzählte mir etwas von einem privaten Termin, den sie nun „wegen mir“ nicht wahrnehmen könne.

Sie brüllte. Ich heulte. Ganz toll. Ich fühlte mich schrecklich. Klein, nutzlos, hilflos, überfordert. Und zusätzlich fühlte ich mich noch unterlegen, weil ich ihr nichts entgegen zu setzen hatte. Ich schrie nicht zurück, ich machte nicht klar, dass man mit mir so nicht umgehen kann. Nicht einmal ein simples „Stop!“ brachte ich über die Lippen. Ich starrte sie nur erschrocken an und wusste mir nicht zu helfen.

Wie sie sich gefühlt hat weiß ich nicht. Aber es ist stark anzunehmen, dass sie sich ebenso überfordert fühlte, wie ich. Nur die Reaktion war unterschiedlich. Ich hatte das Gefühl, meine Reaktion sei die Unterlegene. Ich zog mich zurück, ich war verschreckt, wie erstarrt, ich wurde ganz klein. Sie hingegen wurde riesengroß, sie blies sich regelrecht auf, wurde laut und nahm sehr viel Raum ein.

Wenn man es objektiv betrachtet, dann sind beide Reaktionen, das Weinen wie das Schreien, einfach Stressreaktionen. Der Ausdruck des gleichen Gefühls. Und keine dieser Reaktionen ist per se besser oder schlechter, als die andere.

Was dieses Erlebnis mir sehr deutlich gezeigt hat ist, dass ich darauf vorbereitet sein muss, dass bei anderen Menschen etwas ausgelöst wird. In den meisten Fällen, und das ist dabei sehr wichtig, hat das aber absolut überhaupt null Komma gar nichts mit mir zu tun. Es kann sein, dass etwas, das ich tue oder sage, eine Reaktion auslöst. Aber die Reaktion selbst ist voll und ganz bei der anderen Person. Meine Vorgesetzte zum Beispiel war wahrscheinlich ohnehin schon gestresst oder überfordert, ebenso wie ich das auch bereits war. Andernfalls wäre es gar nicht erst zu einem solchen Ausbruch gekommen.

Jeder hat auch sicher schon einmal erlebt, dass ein anderer auf etwas, das man getan oder gesagt hat, hochemotional reagierte, ohne, dass es so recht zu erklären war. Ein Beispiel dafür ist die Reaktion eines Bekannten von mir, der sich fürchterlich über das Gehalt aufregte, das ich in meinem ersten Job nach dem Studium erhielt. Er ging so weit zu behaupten, das Studieren habe sich somit für mich nicht gelohnt.

Mich hat das damals tief getroffen und ich war sehr beleidigt. Nach wie vor bin ich der Meinung, dass diese Aussage zu weit ging. Richtig kommuniziert habe ich das damals nicht. Es hat mich wütend gemacht, was mir sicher auch anzumerken war, und ich habe versucht, dagegen zu argumentieren. Gebracht hat es nichts.

Warum mein Gehalt ihn so emotional reagieren ließ und warum das dazu führte gleich meine ganze Ausbildung infrage zu stellen, weiß ich nicht. Und das ist genau der Punkt. Ganz offensichtlich wurde irgendetwas ausgelöst, eine alte Geschichte kam wieder hoch oder Ängste wurden plötzlich bestätigt. Es kann ja im Prinzip alles sein.

Wir können den Menschen, auch denen, die wir sehr gut kennen, eben meistens nur vor den Kopf schauen. Und deshalb wird es immer wieder vorkommen, dass jemand in einer Weise reagiert, die wir nicht erwartet haben oder die uns unangemessen erscheint.

ReaktionIch finde es hilfreich sich klar zu machen, dass diese Reaktionen nichts mit uns zu tun haben. Sie gehören nicht zu uns, sondern zu unserem Gegenüber, und wir müssen sie daher nicht als etwas annehmen, das uns betrifft. Viele Menschen wissen sich gar nicht, warum sie auf ein Thema besonders verschnupft oder auch agressiv reagieren.

Im Übrigen gilt das natürlich auch umgekehrt. Deine Reaktionen auf etwas, wie zum Beispiel meine Reaktion auf meine Vorgesetzte, gehören zu dir. Und das bedeutet, dass du es in der Hand hast. Du kannst entscheiden, wie du auf etwas reagierst und wenn es dir im Nachhinein nicht gefallen hat, dann kannst du es beim nächsten Mal ändern.

Ich glaube nicht, dass ich einer Situation wie der beschriebenen noch einmal anfangen würde zu weinen, unfähig, mich zu verteidigen. Auch, wenn ich immer noch keine Kriegerin bin, so lerne ich doch langsam, mich selbst zu schützen und für mich einzustehen.

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2 Kommentare zu „Aktion. Reaktion. Über den Umgang mit Reaktionen Anderer

  1. Oh…Wutweinen kenn ich…und das schlimme ist, dass es nicht als das erkannt wird…..Ich bin auch einmal vor meinem Chef in Tränen ausgebrochen – aus Wut….ich hab mich so geärgert…..Egal…das ist Geschichte…ansonsten finde ich Deinen Beitrag sehr gut…

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