Alltag · Leben

Alle fünf Sinne beisammen

Gerade habe ich ein Hörbuch zuende gehört, Der Schamane von Noah Gordon. Es ist der Nachfolger des Romans Der Medicus desselben Autors und das Hörbuch hat mir sehr gefallen. Die Titelfigur ist ein tauber Arzt. Er war als Junge durch eine Krankheit ertaubt und die Geschichte erzählt auch vom Umgang der Familie mit der Taubheit. Der Junge wird regelrecht gezwungen zu lernen, von den Lippen abzulesen und zu sprechen, damit er sich später einigermaßen normal in der Welt zurechtfinden und verständigen kann. Auch wenn dies für ihn eine schwere und traumatische Zeit ist, ist es später doch zu seinem Vorteil. Sein großer Traum ist es, Arzt zu werden wie sein Vater und gegen alle Widerstände und obwohl außer ihm selbst niemand daran glaubt, dass er dieses Ziel erreichen kann, schafft er es doch.

Dieser Aspekt der Geschicht macht Mut, seine Träume nicht aus den Augen zu verlieren und nicht aufzugeben, auch wenn es aussichtslos scheint.

In einem Artikel, den ich neulich gelesen habe, ging es um die Macht von Gerüchen und wie sie mit unserer Erinnerung verknüpft sind. Bestimmte Gerüche bringen uns immer wieder zurück an einen bestimmten Ort, in eine bestimmte Zeit oder sogar nur zu einem kleinen Moment. Sie rufen Erinnerungen wach und zwar in sehr unmittelbarer und eindrücklicher Form. Ohne Worte, ohne Nachdenken. Wir riechen etwas Vertrautes, und zack sind die Erinnerungen da, fühlen wir uns sogar fast in der Zeit zurück versetzt.

Kürzlich wurde ich gefragt, welchen meiner fünf Sinne ich behalten würde, wenn ich nur noch einen einzigen haben könnte. Wir waren uns eigentlich alle einig, dass die einzigen Sinne, zwischen denen man sich vielleicht noch wirklich entscheiden müsste, der Tastsinn und der Sehsinn sind.

Für viele Menschen, mich selbst eingeschlossen, ist die Vorstellung, nichts sehen zu können, eine schreckliche. Ich kann mir ein Leben ohne Sicht nicht vorstellen und hoffe auch, dass ich nicht herausfinden muss, wie es sich anfühlt. Aber als ich so darüber nachgedacht habe, fand ich es noch schlimmer, nichts spüren zu können. Die Berührungen der Menschen, die mir nahestehen, nicht zu fühlen. Vielleicht ein Kind in den Armen zu halten, und es nicht wahrzunehmen. Ich glaube, Sehen, ohne zu Spüren, wäre für mich unerträglich.

Sinne

All diese Gedanken und Geschichten über die Sinne haben mich zum Nachdenken gebracht. Wir alle, oder zumindest fast alle, haben fünf Sinne, die uns geschenkt sind. Wir haben sie seit unserer Geburt und müssen nichts dafür tun. Aber wir nutzen sie kaum, wir schenken ihnen keine Beachtung. Wir drehen die Musik voll auf, sorgen dafür, dass immer irgendein Hintergrundlärm uns berieselt, stellen den Fernseher an, um keine Stille hören zu müssen. Wir sehen, aber wir schauen nicht hin. Wir laufen durch die Gegend, sitzen im Büro, aber erst, wenn wir uns den Fuß an der Bettkante gestoßen haben, spüren wir überhaupt unsere Füße.

So richtig wenig beachtet sind der Geruchs- und Geschmackssinn. Beim Essen konzentrieren wir uns nicht auf die Nahrung, die wir zu uns nehmen, sondern mal wieder lieber auf den Fernseher. Und nur, wenn uns etwas Besonderes vor die Nase kommt, dringt es wirklich zu uns vor.

Es scheint uns ganz selbstverständlich, dass wir sehen, hören, riechen, schmecken, spüren können. Aber wenn wir uns vorstellen, dass wir es nicht mehr könnten, dann wird uns erst klar, wie viel es uns kosten würde. Aber vielleicht müssen wir nicht so lange warten, bis unsere Sinne weiter abstumpfen, der graue Star die Sicht vernebelt und das Gehör langsam schwächer wird, bevor wir unser Leben mit allen Sinnen genießen.

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