Leben

Farbenlehre – die Angst vor dem Erröten

Es gab Zeiten, da wurde ich bei jeder Gelegenheit rot. Wenn mich eine fremde Person ansprach. Während ich an der Supermarktkasse nach Kleingeld kramte. Wenn ich etwas erzählte und mir mehrere Leute zuhörten. Wenn ich mich ärgerte. Wenn ich mich kritisiert fühlte. In sozialen Situationen, im Gespräch mit einzelnen Leuten, die ich nicht gut kannte, oder in einer Gruppe, wenn ich plötzlich in den Fokus kam. In Bewerbungsgesprächen. Die Liste ist endlos.

Wann es angefangen hat, weiß ich nicht. Ich denke es muss irgendwann in der Pubertät gewesen sein, vielleicht mit 14 oder 15. Vielleicht auch etwas später. Ich weiß noch, dass wir in der 11. Klasse eine ziemlich gute Deutschlehrerin hatten und eine Unterrichtseinheit bestand darin, dass jeder eine kurze Rede zu einem Thema schreiben und diese dann vor der Klasse vortragen musste. Die anderen bekamen vorgedruckte Bewertungsbögen, auf denen die Rede möglichst objektiv beurteilt werden sollte.

Diese Aufgabe war absolt furchtbar für mich. Ich erinnere mich noch, dass die Vorstellung, alleine vor der Klasse zu stehen und meine Rede zu halten und dann auch noch von den anderen beurteilt zu werden mir den Schweiß auf die Stirn trieb. Diese Situation ist die erste, von der ich ganz genau weiß, dass ich dabei rot geworden bin. Da war ich 17 Jahre alt.

Komisch ist, dass ich zu diesem Zeitpunkt schon seit vier Jahren in der Theatergruppe meiner Schule gespielt habe. Auf der Bühne hatte ich das Problem nicht, oder es war mir egal. Wenn ich in eine andere Rolle geschlüpft war, dann war es irgendwie anders. Es war ok, dass alle mich ansahen, dass die Aufmerksamkeit auf mich gerichtet war und dass ich vor vielen Leuten sprechen musste. Ich konnte das.

Also warum ist das Erröten dann plötzlich zum Thema geworden? Woher kam es überhaupt? Ich denke nicht, dass ich als Kind, obwohl ich schüchtern war, errötet bin, wenn mich jemand Fremdes ansprach oder wenn ich vor vielen Leuten etwas sagen sollte. In der Grundschule und den ersten Jahren auf der weiterführenden Schule hatte ich auch keine Probleme damit, im Unterricht mündlich mitzuarbeiten und mich zu melden, wenn ich etwas wusste. Später habe ich das immer weniger getan und meine mündlichen Noten gingen in den Keller.

Angefangen hat es wahrscheinlich damit, dass ich keine Aufmerksamkeit auf mich lenken wollte. Ich hatte ein bisschen den Ruf einer Streberin, weil ich in einigen Fächern, vor allem Deutsch, Englisch, Geschichte und dergleichen, weniger die naturwissenschaftlichen Fächer, sehr gut war. Wahrscheinlich wollte ich diesen Ruf durch aktive Teilnahme am Unterricht nicht noch weiter bestärken. Wer will schon eine Streberin sein?

Dann kam der Punkt an dem auch anderen auffiel, dass ich leicht errötete. Für manche, auch Freunde von mir, wurde ein Spiel daraus, mich zum Erröten zu bringen. Dafür reichte eigentlich die bloße Aussage darüber, dass ich leicht rot werde. Und schon hatte ich einen knallroten Kopf. Und fühlte mich schrecklich unwohl. Das habe ich aber nie so gesagt. Ich fand es peinlich, rot zu werden und mindestens genauso peinlich war es mir, dass es mir etwas ausmachte. Ich versuchte mitzulachen, fühlte mich in Wahrheit aber bloßgestellt und schämte mich.

ErrötenDurch mein Studium musste ich immer mal wieder Referate vor vielen Leuten halten. Daran führte kein Weg vorbei, aber angenehm wurde mir das nie. Meine größte Befürchtung blieb immer das Erröten und wie mein rotes Gesicht die Wahrnehmung meiner Person und meines Vortrags bei den Anderen beeinflussen würden. Ich versuchte mich vor den Referaten zu beruhigen und meine Nervosität zu zähmen. Ich legte eine extra dicke Schicht Make-up auf und achtete darauf, kein rotes oder pinkfarbenes Oberteil zu tragen, damit meine Gesichtsfarbe sich nicht in der Kleidung wiederfand.

Genutzt hat es mir nichts. Mein größter Wunsch war es, einfach so frei von der Leber weg drauflos reden zu können, mich nicht vor dem Vortrag und den Fragen der Zuhörer zu fürchten. Ich wollte einfach nur selbstbewusst sein und auch so wirken. Letztendlich denke ich, ich stand mir einfach selbst im Weg.

Irgendwann habe ich verstanden, dass Rotwerden nichts bedeutet. Es bedeutet nicht, dass ich mich für etwas schäme oder dass ich nichts auf dem Kasten habe. Es mindert nicht meine Kompetenz. Die Angst vor dem Erröten hemmte mich, weil ich versuchte, die entsprechenden Situationen zu meiden oder weil ich tausendmal aufgeregter war als nötig, weil ich das Erröten so sehr fürchtete.

Heute weiß ich, dass niemand so sehr über meine Gesichtsfarbe nachdenkt, wie ich selbst. Und dass es die Menschen vielleicht manchmal irritiert, wenn man rot wird, sie es aber nicht unbedingt negativ bewerten. Und wenn doch? Ist es auch vollkommen egal. Ich habe gelernt, mich weniger unter Druck zu setzen und das Rotwerden einfach geschehen zu lassen. Und Schwupps bin ich auch viel seltener tatsächlich rot geworden. Wenn es doch passiert, halte ich es einfach aus. Ich versuche nicht mehr es zu verbergen, indem ich mich abwende oder die Haare ins Gesicht fallen lasse. Ich tue einfach so, als wäre nichts und meist ist es dann recht schnell vorbei.

Wie bei den meisten Dingen ist auch hier die Angst vorm Erröten das eigentlich Schlimme. Denn durch die Veränderung der Gesichtsfarbe passiert ja nicht wirklich etwas. Es hat keine gesundheitlichen Folgen und auch sonst keine. Es tritt einfach auf und dann vergeht es wieder.

Im Rückblick finde ich es schon fast witzig, wie sehr mich dieses Thema belastet hat. Es war wirklich schlimm für mich und hat mich in vielen Situationen stark gehemmt. Inzwischen ist das zum Glück nicht mehr so. Ich merke zwar manchmal noch, wie ich rot werde. Aber ich denke dann kaum noch darüber nach und ich entscheide mich bewusst dafür, Dinge zu tun, bei denen ich womöglich immer noch erröten könnte. Selbst wenn es passiert – es macht mir nichts mehr aus.

Kennst du die Angst vor dem Erröten auch? Was tust du dagegen? Oder hast du sie vielleicht schon überwunden?

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6 Kommentare zu „Farbenlehre – die Angst vor dem Erröten

  1. Ich kenn das =)
    Mir hilft zu sagen: „Ich bin ich und das ist gut so!“
    Und nunja, ich weiß das „rot“ mir gut steht, trage die Farbe aber selten, da ich den Mittelpunkt auch nicht so liebe. Aber ch mag „rouge“ auf den Wangen und ich weiß, dass es mir steht. Die roten Wangen passen zu mir und die Menschen sehen diese gerne an mir =)

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  2. Ach, das kenn ich zu gut….Referate – Hölle – aber nicht nur wegen dem Rotwerden….einfach offen vor einer Masse reden…brrr….ich bin auch nicht mehr so schüchtern…ich arbeite in einem Männer dominierenden Zweig….da muss man sich durch setzen…und seit dem klappt das – aber rot werde ich immer noch…Ich leb damit…

    Gefällt 1 Person

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