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Zeigt her eure… Vom Mut zur Sichtbarkeit

Neulich habe ich am Wochenende an einem Training zur Stimmbildung mit der Trainerin Ewa Latoszek teilgenommen. Es war wirklich sehr interessant und ich habe viel über die Stimme gelernt. Vielleicht schreibe ich bald noch einen Beitrag über die Inhalt des Seminars, denn darum soll es hier nicht gehen.

Ich habe mich für das Seminar eher aus einer Laune und einem allgemeinen Interesse an dem Thema heraus angemeldet und weniger, weil ich konkret etwas an meiner Stimme verändern wollte. Ich war neugierig, was es über die eigene Stimme zu erfahren gab und wie man sie trainieren konnte, aber ich war mir keiner konkreten Defizite bewusst. Ich hatte mich mit der Stimme bisher auch nur sehr wenig beschäftigt.

Im Laufe des Seminars haben wir verschiedene Übungen gemacht, einige wurden gesprochen, andere gesungen. Da fand ich mich also plötzlich ganz alleine und a capella Reime singend vor einer Gruppe mir unbekannter Menschen. Ich kann aus vollem Herzen sagen, dass eine solche Situation bisher weit, oh sehr weit außerhalb meiner Komfortzone lag. Aber weil es eben zum Seminar dazu gehört, weil alle es machen mussten und weil ich ja auch lernen wollte und mich nicht hinter der Angst oder Schüchternheit verstecken, habe ich es eben gemacht.

Ich habe es einfach gemacht. Und siehe da, ich bin nicht in Ohnmacht gefallen oder im Erdboden versunken. Im Gegenteil. Ich habe sogar Applaus bekommen. Eine positive Reaktion, also. Hätte ich die bekommen, wenn ich mich versteckt und mich nicht getraut hätte? Klares Nein.

Am zweiten Seminartag machten wir Filmaufnahmen. Jeder Teilnehmer sollte etwas vorbereiten, einen Text, eine Situation, etwas, wo es auf die Stimme ankommt. Möglichst realistisch sollte es sein. Wir hatten also einige berufliche Situationen, Teammeetings etwa, oder auch soziale Kontexte. Jeder wurde auf Video aufgezeichnet, bekam Feedback von der Gruppe und Frau Latoszek und schließlich wurde das Video angeschaut.

Mir ist es leider nie leicht gefallen, vor Gruppen zu sprechen. Referate waren mir während der Schul- und Studienzeit ein Graus und es gab sogar Zeiten, da scheute ich mich in größeren Gruppen das Wort zu ergreifen, weil ich nicht im Fokus stehen wollte. Ich fürchtete die Blicke Anderer und wollte lieber gar nicht gesehen werden, als von Allen auf einmal. Wie traurig, eigentlich.

Es war mir also vor meinem „Auftritt“ etwas mulmig zumute. Da ich keine berufliche Situation nachstellen wollte, sondern lieber einen Text vortragen, entschied ich mich für einen meiner eigenen Texte. Ich wählte meinen Lieblingsmensch Text, weil ich den besonders schön finde und er mir sehr am Herzen liegt. Eigentlich dachte ich, ich könnte den Text einfach vorlesen, aber ich wurde gebeten, frei zu sprechen, und obwohl ich mich darauf nicht vorbereitet fühlte, habe ich es einfach gemacht.

Und es war gut! Es hat sich gut angefühlt, es hat Spaß gemacht und mein Feedback war positiv. Die anderen aus der Gruppe fanden, dass meinem Vortrag sehr gut zu folgen gewesen war und dass ich präsent gewirkt und der Text selbst sie angerührt hatte. Und auch, als ich die Videoaufnahme sah, fand ich mich weder peinlich, noch unsicher wirkend.

maus und elefantIndem ich meine Angst überwunden habe, mich getraut habe, etwas von mir zu zeigen, und wirklich von mir, habe ich so viel gewonnen. Ich hatte die Chance, mich zu beobachten und über mich selbst hinaus zu wachsen. Und ich konnte sehen, dass ich nicht nur ein zitterndes Häuflein Elend sein kann, wenn ich vor Anderen sprechen muss. Es kann sogar angenehm sein.

Eine Situation aus dem Seminar wird mich wohl noch lange begleiten. Es war am Ende des ersten Seminartages, wir waren bei unserer letzten Übung für diesen Tag. Es handelte sich um ein kurzes Lied, das wir nacheinander mit Klavierbegleitung singen sollten. Als ich an der Reihe war und schon mitten beim Singen, sagte Ewa Latoszek plötzlich zu mir: „Nicht wie ein kleines Mäuschen, wie ein Elefant!“.

Das soll nun mein Motto sein, solange ich es brauche. Ich möchte kein kleines Mäuschen sein, das sich nicht aus seinem Loch traut. Das schnell umher huscht und hofft, nicht gesehen zu werden, vor allem nicht von seinen Fressfeinden. Vielmehr möchte ich ein Elefant sein. Ein großer, mächtiger Elefant, der fest mit beiden Beinen am Boden steht. Der Elefant kann und will sich nicht verstecken, im Gegenteil, er trompetet noch ein lautes „Törööö“ in die Welt hinaus.

Es ist wichtig, Risiken einzugehen, die Komfortzone zu verlassen und neue Erfahrungen zu sammeln. Zu sehen, wie man sich entwickelt hat und was man noch lernen kann. Wenn man wirklich wagt, sich zu zeigen, auch zu Unsicherheiten zu stehen und trotzdem seine Persönlichkeit nicht zu verstecken, kann man eigentlich nur gewinnen. In der letzten Zeit habe ich feststellen dürfen, dass die Menschen darauf allermeistens sehr positiv reagieren. Und auch für uns selbst ist es wunderbar und befreiend, wir selbst sein zu dürfen mit allen Facetten.

Manchmal fällt es schwer, sichtbar zu sein und zu sich selbst zu stehen. Doch nur so können wir etwas und jemanden erreichen.

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3 Kommentare zu „Zeigt her eure… Vom Mut zur Sichtbarkeit

  1. Liebe Anna, ich gratuliere dir sehr herzlich zu deinen mutigen Schritten, die du in deinem Seminar gemacht hast. Ganz toll! Als ich deinen tollen Text (wie immer) gelesen habe, da erkannte ich wieder sehr viel von mir da drinnen. Wir sind uns offenbar sehr ähnlich. Referate und dergleichen mochte ich auch nie. Ich war immer super nervös vorher. Wenn ich aber dann anfangen musste und gemerkt habe, dass meine Rede gut ankommt und die Leute zuhören, dann ist diese Nervosität ganz schnell wieder verflogen. Besonders, wenn ich frei gesprochen habe, und mich nicht nur an irgendwelchen Zetteln oder an einer Powerpoint-Präsentation „angehalten“ habe.
    Du bist großartig. Einfach weiter so. Dein neues Motto gefällt mir. 🙂

    Herzliche Grüße,

    Caroline

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Caroline,
      Danke, das ist wirklich sehr lieb von dir und hat mich gefreut 🙂 Es macht immer großen Spaß, wenn man an sich arbeitet und dann feststellt, dass Probleme, die man hatte und die unüberwindbar schienen, plötzlich ganz klein und unbedeutend sind. Das ist toll. Findest du nicht auch?
      Herzliche Grüße
      Deine Anna

      Gefällt 1 Person

      1. Liebe Anna, danke für deine liebe Antwort. Ja, du hast vollkommen recht. Das ist toll, Probleme bewältigt, die davor noch unüberwindbar schienen. Dadurch wächst man weiter und schafft wieder andere Dinge, von denen man vorher nur geträumt hat.

        Herzliche Grüße,

        Deine Caroline

        Gefällt 1 Person

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