Allgemein · Alltag · Leben · Lebensfreude

Vosätze und Perfektion

20151005_185833

Ein neues Jahr, ein frischer Start! So viele Wünsche, Erwartungen, Pläne, Hoffnungen. Jedes Jahr wieder soll „dieses Jahr alles anders“ werden. Das Leben noch besser, der Job cooler, das Konto voller, die Freunde witziger, die Nächte länger, der Körper fitter, schlanker, schöner.

Ja, ein neues Jahr ist ein guter Zeitpunkt, um alles Mögliche neu zu bewerten und zu überdenken. Um Bilanz zu ziehen und sich zu fragen, was gut und was schlecht war, was weh tat und was gut. Welche Phasen wir durchschritten haben und auf welchen Weg wir uns begeben haben. Und vielleicht eine neue Richtung einzuschlagen.

Aber ist es realistisch anzunehmen, dass mit dem neuen Jahr auch ein neues Leben beginnt? Dass sich nun auf fast magische Weise alles ändern wird? Wahrscheinlich nicht. Und ganz bestimmt nicht ohne unser eigenes Zutun. Die Veränderungen, die wir uns wünschen, müssen wir schon selbst in die Wege leiten.

Eine nach der Anderen. Langsam und Schritt für Schritt. Es ändert sich nicht alles schlagartig. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut, wie man so schön sagt. Es hat im Gegenteil sogar viele Jahre, Jahrhunderte, Jahrzehnte gedauert. Wenn man es genau nimmt, wird in Rom immer noch gebaut, so wie auch in jeder anderen Stadt. Es wird hinzugefügt und weggenommen, Platz geschaffen für Neues. Und die Stadt wächst, in alle Richtungen, dahin, wo Platz ist.

Genauso ist es auch in der Natur. Etwas wächst, verändert sich, trägt Blüten, verwelkt, etwas Anderes entsteht. Und immer so weiter. Wie können wir also annehmen, dass wir alles zugleich, auf einmal und zur gleichen Zeit sein können? Oder gar müssen? Die Erwartungen, die wir meinen erfüllen zu müssen, sind total verrückt. Schlau sein, Karriere machen, Netzwerken, immer zur rechten Zeit am rechten Ort, stets erreichbar. Nebenbei eine perfekte kleine Familie, wohlerzogene Kinder, die süß auf Instagram aussehen, aber auch keinen Dreck machen im perfekten, Pinterestwürdigen Wohnzimmer. Einen schönen Partner (oder Partnerin), eine harmonische Beziehung, natürlich mit viel Erotik in Reizwäsche. Und klar sehen wir dabei immer perfekt aus, sogar, wenn wir uns im Fitnessstudio abrackern für den perfekten Körper.

Wohin soll das führen? Ist das die Straße zum Glück? Alle Wege führen nach Rom, da ist sie wieder. Die ewige Stadt. Rom ist nicht perfekt. Es wächst, es verändert sich, es baut auf seinen althergebrachten Stärken auf, aber es ist einzigartig. Was Rom ausmacht ist das Gefühl von Leichtigkeit, Lebensgenuss und Dolce Vita. Und dadurch ist es dann doch irgendwie perfekt, auf seine ganz eigene Weise und trotz aller Makel.

So ist das auch bei uns. Wir müssen uns nicht erst anstrengen möglichst perfekt zu werden, bevor wir losleben dürfen. Bis dahin ist es vielleicht ohnehin längst zu spät, falls wir überhaupt auch nur in die Nähe der Perfektion gelangen sollten. Leben, wachsen, die Richtung ändern und dabei trotzdem sein eigenes Ding machen, das eigene Flair finden, das ist es doch irgendwie, was wir alle wollen. Wir wollen glücklich sein und uns mit uns selbst wohlfühlen. Dass wir dafür ein perfektes Haus, eine perfekte Familie und den perfekten Körper brauchen, wann haben wir eigentlich angefangen das zu glauben?

Und überhaupt – was ist schon perfekt? Wir freuen uns vielleicht, dass wir nach harten Wochen der Diat und des unermüdlichen Trainings wieder in die schmale Jeans passen, aber der Partner fand das bisschen Hüftgold total klasse. Oder wir sind zu einer unmöglichen Essensbegleitung geworden, weil wir kaum noch etwas zu uns nehmen und an allem herummäkeln. Welchen Preis zahlen wir für die angebliche Perfektion, der wir hinterher rennen?

Ich glaube für mich ist das Schlimmste das Gefühl, nichts erreichen zu können, solange ich nicht perfekt genug bin. Wenn ich nicht bestimmte Voraussetzungen erfülle, die ich mir natürlich erstmal har erarbeiten muss, dann komme ich nicht ans Ziel, dann „wird nichts aus mir“. Es ist ein Gefühl, als ob man immer in der zweiten Reihe steht, wenn es um die erstrebenswerten Dinge im Leben geht. Man ist noch nicht dran, weil man zuerst noch die Basics erfüllen muss. Die Vorschule absolvieren, sozusagen. Und dann, wenn man schon gut was erreicht hat, dann kommt man auch dran. Dann geht das wahre Leben los. Hast was dann biste was.

Und alle Erfolge, die wir schon hatten, alles das, was wir schon erreicht haben oder erlebt tritt in den Hintergrund. Es ist nicht besonders genug, es reicht nicht aus. Wann kommt der Punkt an dem es ausreicht? Wann wird es ok sein, dass man seinen Weg noch sucht, oder dass man an etwas arbeitet, aber nicht zur Meisterschaft gelangt ist und vielleicht nie gelangen wird? Wann wird das Tun, das Leben, das Sein genügen?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s