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Die Debatte um Köln

Die ganze Welt spricht über die Geschehnisse, die sich in der Silvesternacht in Köln am Hauptbahnhof ereignet haben. Sogar die Eltern meiner Mitbewohnerin haben in Neuseeland davon in den Nachrichten gehört. Neuseeland, am anderen Ende der Welt. Donald Trump macht damit Wahlkampf, Pegida & Co. nutzen die Ereignisse für sich aus, wie auch alle möglichen anderen Gruppen. Reisende aus Asien und wer weiß woher noch haben ihre Karnevalsurlaube abgesagt. Die Oberbürgermeisterin Reker rät Frauen zu einer „Armlänge Abstand“ und muss sich tags darauf dafür entschuldigen. Mit Recht, wie ich finde.

Wann wird das aufhören, dass Männer Frauen belästigen und dann die Frauen mit Verhaltensregeln versorgt werden? Warum sagt den Männern niemand, dass sie ihre Finger bei sich behalten sollen? Und dass das nicht nur für Ausläner, Migranten, Asylsuchende gilt. Sondern für alle Männer.

Nicht Ausländer belästigen Frauen. Arschlöcher belästigen Frauen.

Ich weiß nicht mehr so recht, wo ich dieses Zitat kürzlich gehört habe. Aber in meinen Augen trifft es den Kern der Sache absolut.

Angeblich sollen die Angreifer vom Kölner Hauptbahnhof vielfach Migrationshintergrund gehabt haben, einige waren angeblich Asylsuchende. Und wie man weiß, so eine landläufige und vielfach wiederholte Meinung, haben die ein anderes Frauenbild. Frauen haben keine eigene Meinung, keine Rechte, sie stehen den Männern zur Verfügung.

Ja, vielleicht haben die ein anderes Frauenbild. Vielleicht sind manche der Männer, die etwa aus muslimisch geprägten Ländern nach Deutschland kommen auch zunächst etwas überfordert damit, so viel weibliche Haut zu sehen zu bekommen. Und vielleicht spielt es auch eine Rolle, dass sie einsam sind oder sich nach Intimität sehnen. Das mag alles sein. Aber weder entschuldigt es das Verhalten dieser Männer, noch ist es ein Grund dafür zu sagen, die müssen alle weg, die tatschen unsere Frauen an.

Warum spricht niemand darüber, dass diese Dinge – sexuelle Belästigung, unerwünschtes Anfassen, Pfeifen, Glotzen, die Liste ist lang – jeden Tag passiert, wenn auch nicht in diesem Ausmaß? Dass Frauen derlei Belästigungen hinzunehmen haben, immer und immer wieder, in allen möglichen Situationen? Und dass es keine Frage von Hautfarbe oder Migrationshintergrund ist? Unsere Gesellschaft nimmt es hin, dass Frauen eben hier und da beiläufig betascht werden. Oder objektifiziert, ohne angefasst zu werden. Das ist kein Ausländerproblem, weit entfernt davon.

Die für mich unangenehmste Situation im Bereich Objektifizierung habe ich auf einer Messebaustelle erlebt. Ich war als Praktikantin im Eventbereich tätig und habe den Aufbau einer großen Messe begleitet. Ich habe nicht auf der Baustelle gearbeitet, aber ich war dort unterwegs. Und jedesmal war es ein Spießrutenlauf, durch die Hallen zu gehen. Jeder einzelne Monteur hat seine Arbeit unterbrochen, wenn meine Kollegin und ich vorbeikamen. Sie haben geglotzt und gestarrt mit ihren hungrigen Augen, gepfiffen, Herrenwitze wurden gerissen, das volle Programm. Jedesmal, egal, wie oft wir vorbeikamen. Nein, niemand hat mich angefasst, aber das macht es doch nicht besser.

Diese Männer auf der Baustelle waren überwiegend weiß, ohne Migrationshintergrund. Sie waren auf Montage, teilweise monatelang ohne ihre Familien, ihre Frauen und Freundinnen zu sehen. Oder überhaupt viel Kontakt zu Frauen zu haben. Da spielen die Hormone schonmal verrückt, oder? Kann ja mal passieren. Ach, nimm dir das nicht so zu Herzen, Kindchen. Einfach ignorieren.

Und was ist mit den Typen in Clubs oder auf Parties, die einem locker-flockig im Vorbeigehen an den Hintern fassen? Oder sich plötzlich hinter eine Frau stellen, ihr den Arm um die Hüfte legen, und sie an sich ziehen? Den Pennern auf der Straße, die fragen „na, willste ficken?“. Was ist mit all diesen Männern, die so etwas jeden Tag tun? Einzeln eben, nicht in der Gruppe. Und schwarz sind sie auch nicht. Ist es dann ok? Weiße Männer tatschen weiße Frauen an und schwarze Männer bitte nur schwarze Frauen? Ist das die Lehre, die wir daraus ziehen sollen?

Wie viele Frauen gehen wohl zur Polizei, weil ihnen gestern Abend beim Tanzen wieder jemand an den Po gefasst hat? Und was sagt die Polizei wohl, falls wirklich mal einige Frauen auf diese Idee kämen? Sehr wahrscheinlich das: Tut mir leid, da können wir nichts machen.

Wie wäre es damit: Jeder respektiert die Würde und die ganz wörtlich gemeinte Unantastbarkeit eines und einer jeden Anderen? Das sollte unser Ziel sein, finde ich.

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2 Kommentare zu „Die Debatte um Köln

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