Alltag · Leben · Lebensfreude

Wie es früher war

früher

„Früher war alles viel früher, mein Kind“ singt Stefan Waggershausen. Oder besser gesagt sang er das. Früher mal, in den 90ern, als Menschen noch Zeitung gelesen und ferngesehen haben, lange vor diesem Internet.

Ja, dieses Internet. Ich bin ja echt Fan, keine Frage. Das Internet macht vieles leichter und ich freue mich zum Beispiel, regelmäßig Babyfotos der Söhne und Töchter von weit entfernt lebenden Freunden aufs Handy gepingt zu kriegen.

Aber doch ist da irgendwie dieses „aber“. Auf der anderen Seite verunsichert mich das Internet. So viele Informationen, sowohl über alles und jeden in der Welt, als auch über mich. So viele Passwörter, Seiten, bei denen ich angemeldet bin, Firmen und Menschen, die eine Unmenge Daten über mich gespeichert haben.

Und dann die neuen Formen der Kommunikation. Ja, ich nutze WhatsApp, Facebook etc. selbst ganz viel, und auch hier finde ich es einfach großartig, wie leicht ich mit Menschen in Kontakt bleiben und was ich alles mit ihnen teilen kann. Kein Vergleich zu Briefen oder selbst Emails.

Als ich zum Beispiel 2009 zum ersten Mal im Auslandssemester in China war, da hatte ich noch kein Smartphone und ich denke, das war auch vor der Erfindung von WhatsApp. Ich habe über Emails und Skype mit meiner Familie und meinen Freunden Kontakt gehalten. Aber natürlich nimmt man sich nicht die Zeit, sich ständig mit jedem Freund oder jeder Tante Emails zu schreiben oder jeden einzelnen bei Skype anzurufen. Als ich dann zum zweiten Mal in China war, 2013, und ein Smartphone besaß, stand ich über WhatsApp im ständigen Austausch mit Zuhause.

Das ist Segen und Fluch zugleich, wie ich finde. Denn natürlich ist es wunderbar, die Möglichkeit zu haben, sich mit jedem jederzeit auszutauschen, egal, wo man ist. Aber der Nachteil ist, dass man nie wirklich da ist, wo man eben gerade ist.

Kürzlich war ich mit einer Freundin zum Essen verabredet. Als wir uns verabschiedet haben ist mir aufgefallen, dass sie kein einziges Mal in den drei Stunden, die wir zusammen verbracht haben, auf ihr Handy geschaut hatte. Und ich fand das total bemerkenswert. Auch ich hatte nicht auf mein Handy geschaut, aber ich richte mich da meistens nach meinem Gegenüber. Zückt meine Verabredung das Handy, tue ich es eben auch. Und sicher bin ich auch manchmal diejenige, die ihr Telefon zuerst in der Hand hat.

Allein die Tatsache, dass es schon etwas Besonderes ist, wenn jemand drei Stunden lang nicht auf sein Smartphone schaut, finde ich irgendwie bedrückend. Dass eine Technologie, die eigentlich noch so verhältnismäßig jung ist, unsere Leben, unseren Alltag schon derartig bestimmt, gruselt mich fast ein bisschen. Und ich will gar nicht darüber nachdenken, wie viele Stunden am Tag ich online bin. Eigentlich immer. Ich setze mich selbst der totalen Dauerbeschallung aus. Immer dudelt etwas im Hintergrund, seien es Dokus, Podcasts, YouTube Videos zu allen möglichen und unmöglichen Themen (zugegebenermaßen sind es häufig Daily Vlogs oder Beauty- und Lifestyle Videos, die sind mein guilty pleasure) oder Musik. Zum Einschlafen gibt es dann meistens Hörbücher. Ich mag es einfach, wenn jemand zu mir spricht.

Warum mag ich es, wenn jemand zu mir spricht? Vielleicht, damit ich nicht mit meinen Gedanken allein bin. Vielleicht auch, weil ich in der Großstadt lebe, statt in der Großfamilie, und mich dann irgendwie zugehörig fühle. Genau weiß ich es nicht. Ich weiß nur, dass es schon fast eine Art Reflex ist, dass immer etwas ertönen muss. Ich weiß aber auch, dass es mich ablenkt und ich somit die kleinen Dinge des Alltags viel weniger wahrnehme. Essen zum Beispiel. Wenn ich alleine esse, dann immer mit Unterhaltungsprogramm. Und natürlich ist meine Aufmerksamkeit dann nicht beim Essen, sondern beim Hören oder Schauen.

Vor ein paar Tagen hatte ich einen Termin ganz in der Nähe des Hauses, in dem Freunde von mir mit ihrem Kind wohnen. Da wo ich herkomme war und ist es ganz normal, dass man unangemeldet bei Familie, Freunden oder Nachbarn vorbeischaut. Einfach mal so, um zu schauen, wie es den Leuten geht, um ein bisschen zu quatschen und dann wieder seiner Wege zu gehen. Es gibt ungeschriebene Gesetz dafür, zum Beispiel taucht man eher nicht zur Essenszeit auf oder wenn die Besuchten sowas sagen wie „ich muss gleich noch…“ dann verabschiedet man sich langsam. Man ist darauf vorbereitet, dass es gerade nicht so wahnsinnig gut passen könnte, und das ist dann auch ok. Denn man wollte ja nur mal hallo sagen.

Genau das habe ich also bei besagten Freunden auch getan, einfach geklingelt und hallo gesagt. Und ich kam mir dabei richtig komisch vor. Ich befürchtete zu stören, oder in etwas reinzuplatzen, oder oder oder. Ich glaube aber, sie haben sich nicht belästigt gefühlt 🙂 Irgendwie finde ich diese Form des Zusammenlebens viel natürlicher, als dieses ewige Geschreibsel (schrieb sie auf ihrem Blog, haha). Der direkte Austausch inklusive der direkten Reaktion und auch inklusive der Möglichkeit, mal ungelegen zu kommen.

Ich habe das Gefühl, dass wir heute alle jederzeit und überall connected sein wollen, uns immer mit jedem verbinden können wollen, aber kein Interesse daran haben, dass jemand spontan und unangekündigt in unsere Sphäre eintritt. Wir wollen nicht stören, wir fürchten, zurückgewiesen zu werden. Aber wir wollen unsererseits auch nicht gestört werden. Wir leben sozusagen in einer auf unbestimmte Zeit ausgedehnten Mittagsruhe.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ich jetzt anfangen werde, in schöner Regelmäßigkeit bei meinen sämtlichen Freunden unangemeldet aufzuschlagen, ist eher gering. Aber was ich gelernt habe ist, dass so ein unerwarteter analoger Austausch durchaus eine Freude ist.

Bei wem würdest du gerne mal unangemeldet vorbeischneien? Schreib es in die Kommentare 🙂

 

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Ein Kommentar zu „Wie es früher war

  1. Ja, es ist ein Fluch. Man will immer dabei sein, aber nie wirklich präsent. Man will Teil einer Gemeinschaft sein, ohne viel dafür zu tun. Bei wem ich gerne unangemeldet auftauchen würde, weiss ich nicht. Erst einmal möchte ich einfach nur den Mut haben, es zu tun…

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