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Die Cliffhanger des Lebens

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Vielleicht habe ich es schon einmal erwähnt. Ich bin ein Serienjunkie. Oder sagen wir, ein treuer Anhänger gewisser, ausgewählter Serien. Das klingt weniger nach „ich habe eigentlich kein Leben, sondern schaue mir nur die fiktiven Lebensgeschichten von erfundenen Amerikaner*innen an“.

Die einzelnen Episoden, oder auch die Staffeln, enden ja gerne mit einem Cliffhanger, das bedeutet, dass die Episode auf der Höhe des Spannungsbogens endet und der Zuschauer sozusagen in der Luft hängen bleibt. Führt natürlich dazu, dass man unbedingt wissen will, wie es weitergeht.

Beispiel: A liegt mit seiner Eroberung B im Bett. Schwenk auf die Haustür. C, die Ehefrau von A, kommt gerade nach Hause, einen Tag früher, als geplant. Sie schaut sich suchend nach A um, geht die Treppe rauf, legt gerade die Hand auf die Türklinke des Schlafzimmers, hinter der sie unweigerlich A und B in eindeutiger Pose vorfinden würde. Doch genau in dem Moment klingelt ihr Telefon. Cut.

Was wird passieren? Wird C das Telefon ignorieren und die Tür öffnen? Wird sie rangehen? Und falls sie ans Telefon geht, wer ist dran? Wird der Anruf sie dazu bewegen, umzukehren, ist es vielleicht ein Notfall, muss sie schnell das Haus verlassen und ins Krankenhaus zu einem verletzten Verwandten fahren? Und falls sie doch die Tür öffnet, was dann? Wie wird sie reagieren? Wie wird A reagieren? Und weiß B, dass A eigentlich verheiratet ist, oder wähnte sie sich am Beginn einer neuen Liebe?

Das erfahren wir nächste Woche. Und wir schalten wieder ein, ist doch klar.

Und wie ist das eigentlich im echten Leben? Wo sind da die Cliffhanger, und würden wir die überhaupt erkennen, wenn wir mittendrin stecken? Nehmen wir mal die Situation mit A, B und C. Wenn wir A sind, wissen wir nicht, dass C früher nach Hause gekommen ist, und können keine „Gefahr“ ahnen. Als B wissen wir vielleicht nicht einmal von C. Und als C schöpfen wir keinerlei Verdacht, dass A nicht alleine im Bett liegen könnte. Wir sind keine auktorialen Erzähler unseres eigenen Lebens, wir wissen erst, was Sache ist, wenn wir mittendrin stecken in einer Situation. Also erst, wenn die Tür sich geöffnet hat und C den Schauplatz betreten hat.

Andererseits ist das Ende jedes einzelnen Tages an sich schon ein Cliffhanger, denn wie (oder ob) es am nächsten Tag weitergeht, können wir nie wissen. Wir glauben aber, es zu wissen, und ja, wir erwarten sogar, dass alles nach Plan läuft. Nach Schema F, so, wie wir es uns vorgestellt haben. Wir wollen gar keine Cliffhanger und versuchen, möglichst wenig Raum dafür zu lassen.

Möglichst wenig Spannung, also, und keine unerwarteten Wendungen. Das Drehbuch des Lebens, so wie wir es schreiben wollen, kann ganz schön öde werden. Denn wehedem wir würden die Dramen, die Aufs und Abs, die wir auf dem Bildschirm so gerne verfolgen, ja, über die wir uns in den Klatschzeitungen und im Freundeskreis informieren, an denen wir Anteil nehmen und die wir ins kleinste Detail verfolgen, selbst erleben. Den Schmerz, die Demütigungen, die Leidenschaft und die Enttäuschungen am eigenen Leib erfahren. Nein, das möchten wir nicht. Was, wenn wir damit nicht zurecht kämen?

Wir fürchten die Gefühle und ihre Konsequenzen und halten daher lieber Abstand. Wir fühlen nicht selbst, wir lassen fühlen, da, wo es nicht wehtun kann, auf dem Bildschirm bei den kleinen erfundenen Leuten. Komisch, irgendwie.

Manchmal denke ich, das echte Leben bietet einfach nicht den Platz für die großen Gefühle und die Dramen, die auf der Mattscheibe immer so gehäuft aufzutreten scheinen. Aber das stimmt eigentlich nicht. Jeder Mensch hat sie, jeder muss sie erleben, vielleicht nicht alle auf einmal, aber immer mal wieder das eine oder andere.

Im echten Leben sind sie weder so konsolidiert, zusammengepresst auf zwei bis drei Folgen, noch so dramaturgisch durchdacht. Aber sie passieren und wir erleben sie. Jeder Mensch auf seine eigene Weise. Vielleicht wäre es ok, sich dem eigenen Drehbuch etwas mehr hinzugeben, sich mehr große Gefühle zu erlauben. Und vielleicht ist es auch gar nicht schlecht, dass in dem was wir Realität nennen nicht alles so groß und bedeutungsschwanger ist, wie in der Fiktion.

Und trotzdem. So ein kleiner Liz Taylor Moment hier und da, der sollte doch schon drin sein. Oder?

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