Alltag · Lebensfreude

Zahlen regieren die Welt

Ja, ich bin ein Mädchen, und ja, ich gehe gerne shoppen. Ich verbringe zwar keine drei Stunden im Bad (an dieser Stelle herzliche Grüße an meine ehemalige Mitbewohnerin), aber ich gebe mir meist Mühe mit meinem Aussehen. Ich gehe manchmal ungeschminkt raus, aber ich hab auch Spaß daran, neue Looks auszuprobieren.

Kürzlich stehe ich also bei Zara in der Umkleidekabine. Ich hatte mir eine weiße Jeans ausgesucht. Weiße Jeans sind ja so eine Sache. Weiß bzw. helle Farben allgemein können leicht auftragen und obwohl ich eine sportliche Figur habe, hatte ich immer die Idee, dass ich keine weiße Hose tragen kann. Aber da die nun in den Läden überall sind, wollte ich es eben doch nochmal wissen.

Ich also rein in die weiße Hose. Raus aus der Kabine und ab vor den großen Spiegel. Krass, denke ich, sieht ja echt gut aus. Ich hab mich in der Hose sofort wohl gefühlt, hab mich gedreht, aus allen Richtungen gemustert und für gut befunden. Cool, denke ich, das Teil kommt mit.

Ich also raus aus der Jeans. Welche Größe habe ich da eigentlich nochmal? Ich schaue nach und sofort ist meine gute Laune dahin. Was, so groß? Wann bin ich denn so fett geworden? Ist ja ätzend. Die kauf ich auf keinen Fall. Diese Gedanken sind plötzlich da, wo eben noch die Freude darüber war, dass ich eben doch weiße Hosen tragen kann.

Bestimmt gibt es viele Menschen, die das nicht verstehen können, aber ganz sicher gibt es noch viel mehr Menschen, denen es genauso geht.  Eine Zahl, in diesem Fall eine Hosengröße, entscheidet darüber, wie wir uns fühlen.

Nochmal zum Mitschreiben. OHNE das Wissen, welche Größe ich da trug, fand ich die Hose absolut spitze, habe mich total gut gefühlt und fand, dass sie perfekt passt. MIT dem Wissen um die Größe ging meine Laune und mein positives Gefühl in Bezug auf mich und meinen Körper schlagartig in den Keller.

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Da ist das Ding

Schrecklich ist das. Absolut furchtbar. Und völlig unbegründet. Wer hat bloß diese Idee in meinen Kopf gepflanzt, dass ein Kleidungsstück eine bestimmte Zahl tragen muss, damit ich darin gut aussehen kann? Seit wann ist mein Maßstab nicht mehr, wie ich mich fühle, ob ich körperlich fit und gesund bin und genug auf mich Acht gebe, indem ich mich ausreichend bewege, gut esse und schlafe?

Die Macht der Zahlen ist überall. Kleine Zahlen bei der Kleidergröße und beim Hüftumfang, große Zahlen auf der Gehaltsabrechnung. Am Besten ist es natürlich, wenn wir so viele Vergleichszahlen wie möglich aus dem Umfeld einholen können. Damit wir wissen, wo wir stehen. Ob wir selbst zufrieden sind oder nicht, kann ja keine ausreichende Bewertungsgrundlage sein. Wir müssen schon wissen, ob der Balkon des Nachbarn größer, der Busen der Freundin des besten Freundes umfangreicher, das Jahresgehalt des Cousins höher ist.

Und dann? Das einzige, was all diese Zahlen wirklich messbar machen, ist doch, wie schlecht wir uns fühlen. Der Cousin verdient ja nicht mehr oder weniger deswegen und wir selbst meist auch nicht. Wir fühlen uns unzulänglich, ohne einen echten Grund zu haben. Bisher waren wir doch ganz zufrieden und kamen gut klar mit dem Gehalt, aber wenn der DAS verdient… Eigentlich fühlte ich mich wohl in meinem Körper, aber das kann ja nicht stimmen, denn Menschen mit dieser Hosengröße fühlen sich nicht wohl mit sich selbst. Das kann gar nicht stimmen.

Nur wir selbst können entscheiden, ob wir einer Zahl eine Bedeutung geben. Die Zahl an sich ist vollkommen belanglos. Nur die Tatsache, dass wir glauben, eine Zahl sei besser, als eine andere, entsteht das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Grundsätzlich ist die Zahl 34 nicht besser oder schlechter, als die Zahl 44. Auf dem Zahlenstrahl kommt eine weiter vorne vor, die andere weiter hinten. Eine ist durch 4 teilbar, die andere nicht. Beide aber durch 2.

Übrigens, ich sage hier nicht, von welcher Größe ich spreche. Das überlasse ich eurer Fantasie. Und ich kann dir sagen, lieber lesender Mensch, es killt mich. Die Vorstellung, welche Bilder du dir nun über mich und meinen Körper machen könntest, bereitet mir körperliches Unwohlsein. Und weil das genau das Problem ist, weil es genau darum geht, wer was über wen denkt, wenn wer welche Zahl hat, darum nehme ich dieses Unbehagen auf mich.

Denn ich möchte nicht in der Welt der Zahlen leben. Ich möchte, dass es mehr Bedeutung hat, wie es mir geht, wie ich mich fühle. Und dass die Zahl eben nur eine Zahl ist.

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