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Was siehst du?

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Als ich heute an einem alten Mann vorbeigegangen bin, der mir auf der Straße entgegenkam, mit einer dicken Brille auf der Nase, vornübergebeugt auf seinen Rollator gestützt, der scheinbar viel zu niedrig für ihn war, da fragte ich mich, was ich sehe und was er sieht.

Ich sehe einen alten Mann, aber ich blicke nicht hinter die Brille, den Rollator und die Falten im Gesicht. Was sieht er? Eine junge blonde Frau mit schwarzer Jacke, die eilig an ihm vorbei hetzt (weil ich doll auf die Toilette musste, aber das konnte er natürlich nicht erraten).

Was sehen wir, wenn wir anderen Menschen anschauen? Wir sehen ihre Gesichter, ihre Größe und Form, Haltung und Gang, Kleidung und was sie dabei haben. Wir sehen, ob sie alt oder jung sind, groß oder klein, dick oder dünn. Mann oder Frau (und manchmal sind wir uns da nicht ganz sicher).

Was wir nicht sehen: Freude und Leid. Ein gutes Herz oder ein Kaltes. Angst, Sorge, Trauer, Hoffnung, Mut. Wir sehen nicht das Innere der Menschen. Es ist uns nicht wirklich möglich, innerhalb eines Augenblicks wirklich hinter die Fassade zu blicken.

Es ist auch nicht erwünscht, das Innere zu sehen. Wir öffnen uns unseren engsten Freunden, der Familie, dem Partner. Manchmal nicht einmal denen. Für alle anderen setzen wir ein Pokerface auf. Bloß nicht zeigen, was in einem drin so los ist. Man könnte sich schwach machen, negativ auffallen, aus der Masse treten.

Und wenn jemand weiß, was mich wirklich beweghockey-557219_1920t, dann kann er mich viel leichter treffen, dann bin ich ein einfaches Ziel. Wie ein verletztes Tier, das nicht mehr schnell genug weg rennen kann, wenn Gefahr droht. Sich nicht zu öffnen bedeutet aber auch, niemals ganz erkannt zu werden, als das, was man ist und was einen ausmacht.

Hin und wieder schaue ich mir Leute an und frage mich, wer sie sind. Tief in ihrem Herzen. Was fühlen sie, wie geht es ihnen. Sind sie glücklich mit ihrem Leben, oder nicht? Haben sie Sorgen, oder leben sie so, wie sie es sich immer gewünscht haben.

Was sieht ein Mensch, wenn er einen anderen ansieht? Einen Fremden, der einfach so an einem vorüber geht, wenn man auf dem Weg zum Supermarkt ist. Wahrscheinlich lautet die Wahrheit: meistens gar nichts. Viel zu beschäftigt mit woman-422706_1280dem eigenen Leben halten wir nicht inne, um darüber nachzudenken, was jemand anderen gerade so bewegt, außer, die Person steht uns nahe.

Wir denken meistens nicht darüber nach, wie wir von außen gesehen werden. Aber als ich an dem alten Mann vorbeikam, da habe ich mich gefragt, ob er manchmal spürt, dass er einfach als das gesehen wird, ein alter Mann. Und wie er sich dabei fühlt.

Für eine kurze Zeit im Leben sind wir einfach nur Leute, die an anderen vorbeigehen. Ich hab da so ’ne Frau im Supermarkt gesehen heute… Dann kommt irgendwann ein Adjektiv dazu. Eine alte Frau. Ein behinderter Mann. Eine fette Person.

Die Leute, die angesehen werden, und sofort mit einem Adjektiv belegt sind, die merken das glaube ich auch. Und wahrscheinlich fühlt sich das nicht so toll an. Tja, früher oder später, Baby, werden wir wohl alle mal alt sein, oder krank, behindert oder fett. Mindestens eins davon. Dann werden wir vielleicht die Person im Spiegel ansehen, und sie alt nennen. Und wissen, wie es sich anfühlt.

 

 

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4 Kommentare zu „Was siehst du?

  1. Ich schaue mir ganz oft Leute an und ich muss gestehen, dass ich sie recht schnell einzuordnen versuche. Tut das nicht im Grunde jeder? Ich würde sagen, es ist oft Instinkt im Spiel. Der Versuch, sich zu orientieren, Gefahr zu erkennen, zu versuchen herauszufinden, wem man vertrauen kann und wem nicht. Aber, es ist schrecklich auch. Das ist das was Sartre wohl mit: „Die Hölle, das sind die anderen.“ gemeint hat. Man weiss nie, was die anderen von einem denken. Man weiss nie, wie sie einen sehen. Zum Glück denkt man nicht zu oft darüber nach…

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  2. Manchmal eine verrückte Sache wie viele Vorurteile da auch manchmal in uns aufploppen, wenn wir andere im Alltag sehen. Ich habe irgendwann angefangen zu versuchen Menschen wertfrei zu beobachten. Das ist nicht immer so einfach, vor allem bei für uns unsympathisch wirkenden Personen, oder unangenehmen, oder nervigen, oder wenn man selbst gerade nicht so auf der Höhe ist, vielleicht grummelig über die Welt..Jedoch wenn man es schafft den Mann Mann und die Frau Frau sein zu lassen, dann fallen einem plötzlich viel mehr Details auf und das ist irgendwie schöner finde ich. 🙂 Man wird irgendwie achtsamer und aufmerksamer in einer gelassenen Weise.

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