Allgemein

Ein Geschenk

heart-1693304_1280Als ich 2009 meinen 22. Geburtstag gefeiert habe, war ich gerade in Shanghai im Auslandssemester. Ich habe damals von meinen Eltern und einigen Freunden kleine Geburtstagspäckchen bekommen.

Zwei meiner Freundinnen haben mir eine CD geschickt, auf der ein Geburtstagswunsch zu lesen war. Als ich die CD ins Abspielgerät gelegt habe, hörte ich die Stimmen der beiden. Sie haben mir alles Liebe gewünscht, aber sich dann einfach ganz normal miteinander unterhalten. Die Aufnahme war nicht sehr lang, vielleicht 10 oder 15 Minuten. Aber es war unheimlich schön, die Stimmen der beiden zu hören und nach Monaten wieder an einem Gespräch mit ihnen teilzunehmen, wenn auch nur als Zuhörer.

Das alles war vor den Zeiten der Smartphones (bzw. gerade zu Beginn der Ära des mobilen Internets), bevor wir alle WhatsApp auf dem Handy hatten und uns jederzeit und überall vernetzen konnten.

Ich erinnere mich noch genau, wie besonders es für mich damals war, die Stimmen meiner Freundinnen zu hören und an ihrem Alltag teilzunehmen, obwohl sie so weit weg waren. Plötzlich waren sie mir wieder sehr nah und ich war unheimlich gerührt von diesem Geschenk.

Wir leben heute in einer Zeit, in der das alles ganz normal ist. Es ist überhaupt nicht mehr außergewöhnlich, sich zu sehen, zu sprechen, die Stimme von jemandem zu hören, der am anderen Ende der Welt ist, Fotos hin und her zu senden.

Ich liebe diese Technik, weil sie mir erlaubt, meine Erfahrungen mit meinen Lieben zu teilen, ganz egal, wo diese sich gerade aufhalten. Und weil sie es mir umgekehrt ermöglicht, am Leben von Menschen teilzuhaben, die mir wichtig sind.

Es ist schon irre, wie schnell man sich an diese Dinge gewöhnen kann. Natürlich, das Jahr 2009 ist nun auch schon eine Weile her. Aber doch auch wieder nicht so lang. Ich glaube, wir machen uns die Tragweite der Digitalisierung manchmal gar nicht bewusst, können es möglicherweise auch gar nicht.

Wenn ich heute eine Sprachnachricht von einer Freundin bekomme, die ich lange nicht gehört habe, dann freue ich mich, höre gerne ihre Stimme, fühle mich verbunden. Aber die Erfahrung hat ihre Einzigartigkeit verloren, die sie damals an meinem 22. Geburtstag noch hatte.

Ich frage mich manchmal, wie diese Entwicklungen sich wohl für die Leute anfühlen, die schon viel länger auf dieser Welt sind. Meine Eltern zum Beispiel, die in ihren 60ern sind. Sie waren zu einer Zeit jung, als noch nicht einmal jedes Haus einen Fernseher hatte. Irgendwann kamen die Handys und jetzt sind auch meine Eltern bei WhatsApp und schicken mir Fotos und Emojis.

Im Gegensatz dazu stehen die Kinder, die in das Zeitalter der Digitalisierung hinein geboren wurden und sich wahrscheinlich gar nicht mehr vorstellen können, dass sie nicht jederzeit mit jedem Menschen auf der Welt (grob vereinfacht) kommunizieren können.

Wie die Technik uns und unser Leben, unsere Gefühle, unsere Verbundenheit beeinflusst, können wir wohl erst in vielen Jahren wirklich sagen, wenn überhaupt. Aber sie tut es, daran besteht kein Zweifel. Sie hat es schon immer getan, angefangen mit der Entdeckung des Feuers. Man kann das ablehnen, oder begrüßen, aber dadurch ändert sich nichts an der Tatsache.

Für mich jedenfalls wird es immer eins der schönsten Geschenke sein, die ich je bekommen habe. Die Stimmen meiner Freundinnen auf einer CD, vertieft in ein Gespräch mit mir als Gesprächspartner in Gedanken.

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