Alltag · Psychologie

Wir sind es uns wert

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Hand hoch: wer erinnert sich noch an die „Weil Sie es sich wert sind“ Werbekampagne einer großen Kosmetikmarke? Ich weiß gar nicht mehr, welche es war, aber dieser Slogan hat mich während meiner gesamten Kindheit und Jugend begleitet. Die Werbebotschaft ist, wenn man sie mal wohlwollend auslegt, eigentlich noch ganz nett. Du darfst es Dir erlauben, Dich gut zu fühlen. Na gut, um Dich wirklich so richtig gut zu fühlen, musst Du halt hübsch aussehen und dafür brauchst Du Cremes und Makeup und Lippenstift und Wimperntusche und all den anderen Kram, den Du bei uns kaufen kannst. Aber hey, Du wirst Dich damit besser fühlen. Und wir wissen alle, wenn wir uns besser fühlen, dann wirken wir auch besser, sind erfolgreicher, kommen besser an und sind selbstbewusster.

In den letzten Wochen ist mir dieses „es sich wert sein“ wieder häufiger begegnet. Diesmal nicht in der Werbung, sondern auf anderen Kanälen, etwa in Büchern oder Podcasts. Bei Instagram. Es ging dabei auch weniger darum, dass man es sich wert sein soll, hübsch auszusehen. Mehr darum, sich um sich selbst zu kümmern. Seine Bedürfnisse anzuerkennen. Für manche Menschen gehört gut aussehen oder sich selbst ins beste Licht rücken, vielleicht auch mithilfe von Makeup und dergleichen, zum um sich selbst kümmern dazu. Ich kenne das auch. Wenn ich mich im Spiegel anschauen und mit dem, was ich sehe, zufrieden bin, dann hilft mir das schon sehr, auch positiver und selbstbewusster aufzutreten. Wenn mir mein Spiegelbild nicht so sehr zusagt, dann bin ich auch schnell dabei, mich selbst schlecht zu reden. Boah wie Deine Haare wieder aussehen. Und der Riesenpickel da an der Nase. Sport könntest Du auch mal wieder machen. guck Dir mal den Schwabbelpo da an.

Ich habe inzwischen gelernt, dass meine Selbstwahrnehmung durchaus von der Fremdwahrnehmung abweicht, wenn es um meinen Körper geht. Deshalb gebe ich der inneren Stimme, die mich und meinen Po so schonungslos kritisiert, nicht mehr so viel Raum. Ich achte mehr darauf, mich gut zu fühlen, fit und beweglich und gesund, und mich nicht allzu lange mit meinem Spiegelbild aufzuhalten. Ich habe übrigens mal einen Beitrag zu einem ähnlichen Thema geschrieben, in dem ich auch vom Spiegel Fasten erzählt habe, also bewusst nicht mehr vor dem Spiegel zu stehen und sich selbst zu bemängeln. 

In unserer heutigen Gesellschaft gelten Bedürfnisse oft als Schwäche. Dabei haben wir sie alle und sie sind – zum Glück – sehr unterschiedlich. Warum sollte es zum Beispiel nicht ok sein, sich in seinem Alltag Pausen einzubauen, in denen man etwas für sich tut. Sich Zeit nimmt, in der man nur das tut, was gut für einen ist. Oder sich nach Liebe und Beziehungen zu sehnen, ob in einer Partnerschaft oder in tiefen Bindungen zu Freunden und Familie. Warum haben wir oft das Gefühl, dass wir es uns erst verdienen müssen, auf uns zu achten und Grenzen zu setzen? Als ob wir immer darauf warten, dass jemand kommt und sagt: Fein gemacht, und jetzt geh spielen. Und für eine relativ lange Zeit in unserem Leben läuft das ja auch genau so. Eltern und Lehrer geben uns direkte Rückmeldung, ob wir etwas gut oder schlecht gemacht haben, und entscheiden auch, wann wir hart genug gearbeitet haben, uns genug angestrengt, wann wir eine Pause verdient haben. Wann wir brav genug waren. Vielleicht fehlt uns dann als Erwachsene die Kompetenz zu sagen: Das reicht. Meine Bemühungen sind ausreichend. Und zwar ausreichend im Sinne von: gut genug. Nicht im Sinne von Note 4 – gerade so bestanden.

Dieses ganze Warten auf Genehmigung, die niemals kommt, führt dazu, dass wir gar nicht mehr richtig spüren, was wir brauchen, was uns guttun würde und wonach wir uns sehnen. Und wenn doch, dann lehnen wir es oft ab. Nein, ich will nicht weniger arbeiten, ich muss nicht weniger Überstunden machen, ich packe das schon. Ich komme doch zurecht. Aber soll das alles sein, ist das schon die ganze Breit der Erfahrung, die wir im Leben machen wollen? Zurechtkommen?

Seine Bedürfnisse uns Gefühle anzunehmen und zumindest zu erkennen, dass sie da sind, ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Zeichen von Verbindung mit uns selbst. Und somit sehr wertvoll. Also ruhig mal Füße hoch und ausruhen. Wir sind es uns wert.

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