Alltag · Leben

Die perfekt optimierte Persönlichkeit

Achtung, Achtsam

Achtsamkeit und persönliche Weiterentwicklung sind Themen, die in den letzten Jahren sehr populär geworden sind. Unter anderem durch Podcasts und Instagram ist eine breite Masse darauf aufmerksam geworden und daran, dass Millionen von Menschen allein auf deutschsprachigen Kanälen mitlesen oder hören und Bücher die Bestsellerlisten erobern kann man erkennen, dass Achtsamkeit den Zeitgeist trifft.

Es macht ja auch total Sinn. Wir leben in einer so schnellen und vernetzten Zeit, dass Innehalten schon zur Anstrengung geworden ist. Immer sind wir erreichbar, ständig online. Wir können live verfolgen, was am anderen Ende der Welt geschieht. Wir müssten eigentlich gar nicht mehr in den Urlaub fahren, weil die Welt bis in die letzte Ecke nicht nur kartografiert, sondern fotografisch dokumentiert ist. Wir fahren aber trotzdem, um auch nochmal das hippe Foto mit dem angesagten Monument im Hintergrund zu posten und zu beweisen, dass wir voll im Trend sind. Von Modeblogs, die im gesamten Feed keine zweimal dasselbe Outfit oder auch nur Kleidungsstück tragen möchte ich an der Stelle gar nicht erst anfangen. Vielleicht schreibe ich dazu aber nochmal was, das macht mich nämlich total irre.

Selbstoptimierung

Aber nochmal zurück zu der vernetzten Welt an sich. Konfrontiert mit all dem ständigen Input, dem wir ausgesetzt sind, ist es kein Wunder, dass wir uns nach Stille und Einkehr sehnen. Soweit so logisch. Achtsamkeit erscheint den gestressten Großstädtern von heute als richtig gute Idee und grundsätzlich bin ich da ja voll dabei.

Auf der Straße hört man plötzlich „dann wollte ich vorhin noch meditieren, aber irgendwie hatte ich dann doch keine Zeit“. Leute fahren auf Retreats oder für ein Wochenende in irgendein Gutshaus an der Mecklenburgischen Seenplatte und haben „mega was mitgenommen“. Und dann geht es wieder nur darum, was draus zu machen. Lern‘ was aus deiner Erfahrung. Sei nicht so streng mit dir. Gönn dir mal was. Nimm dir eine Auszeit. Oder nimm einfach ein heißes Bad und deine Probleme lösen sich in rosa Schaum auf und spülen sich gleich selbst den Abfluss runter. Die Botschaft ist: du machst etwas und das hat dann zur Folge, dass du besser bist. Einfacher. Mit weniger Kanten und Fehlern. Weniger traurig oder ängstlich oder wütend. Also kurz: wieder ein voll funktionierendes Mitglied der Gesellschaft, das sich voller Elan in seine Arbeit stürzen kann. Wir steigern das Bruttosozialprodukt! Und kaufen gleich noch ein Buch, einen Online-Kurs und einen achtsamen Kalender dazu.

Nicht gut genug?

Ist das wirklich der Sinn der Sache? Eine ewige Kette aus Stress oder Anspannung, gefolgt von Achtsamkeit in Form von Kursen oder Übungen, die dann noch mehr stressen, woraufhin man direkt zum nächsten übergeht? Irgendwie kommt mir das nicht richtig vor. Wenn ich immer versuche eine bessere Version meiner Selbst zu werden, dann manifestiere ich doch immer nur weiter die Idee, dass es noch nicht reicht, dass ich nicht gut genug bin, aber schon noch irgendwann dahin komme. Mit dem 2020 Kalender vielleicht, der hat auch direkt ein Bullet Journal mit drin. Spitze.

Wie wäre es stattdessen mit sanfter werden? Ruhiger werden mit sich selbst. Durchatmen. Dorthin schauen, wo es weh tut, aber nicht, um etwas weg zu erklären. Sondern um die eigenen dunklen Flecken zu erkennen und anzunehmen und dann, mit den Schwächen im Gepäck, weiterzugehen und weiterzumachen. Dort, wo die Show endet, kann das Wachstum beginnen. Die Aufregung lohnt sich.

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