Psychologie

Aber dafür mach ich doch keine Therapie

Reine Kopfsache

Wer mich schon ein bisschen kennt, ob online oder offline, der weiß, dass ich vor ein paar Jahren eine Psychotherapie gemacht habe. Inzwischen rede ich sehr offen darüber und erzähle auch von mir aus davon. Früher war ich da noch zurückhaltender, aber es gehört für mich einfach zu meiner Geschichte und zu mir, so dass ich es überhaupt nicht mehr komisch finde darüber zu sprechen.

Im Gegenteil, ich würde sogar sagen, alle sollten das machen, auch oder vielleicht ja erst Recht dann, wenn sie gar nicht wüssten, wieso. Es ist meine Überzeugung, dass der Blick nach innen sich immer lohnt, ganz besonders in unserer schnelllebigen und außenorientierten Gesellschaft.

In Gespräche mit meinen Freunden habe ich in der letzten Zeit öfter gehört, dass sie sich auch ein bisschen mit dem Gedanken tragen, eine Therapie zu beginnen. Dabei fiel dann aber oft der Satz „Aber doch nicht dafür„. Sie hatten das Gefühl, dass ihr Anliegen nicht schwerwiegend genug sei, dass sie mit dieser Art von Problem selbst zurechtkommen müssten oder sogar die Sorge, dass ein*e Psycholog*in ihnen gar nicht helfen könnte oder eher noch Probleme einreden würde. Wann und für wen macht es denn also Sinn eine Psychotherapie zu beginnen und woher weiß man, dass es Zeit dafür ist?

Tut es weh?

Wichtig für die Entscheidung, ob es an der Zeit ist sich Hilfe zu suchen ist nicht, wie nachvollziehbar ein Problem vielleicht von außen wirken mag. Das einzige was zählt ist, wie sehr jemand selbst darunter leidet. Wie stark es den Alltag beeinflusst, die Aktivitäten die du dir zutraust zum Beispiel, die Entscheidungen die du triffst. Oder auch schlicht die Gedanken und Gefühle die du täglich hast. Manches was dir leicht erscheint, kann anderen wie ein unüberwindbares Hindernis vorkommen. Umgekehrt kannst du Dinge fürchten, die für alle um dich herum scheinbar selbstverständlich und nicht einmal ein Achselzucken wert sind. Es geht einzig und allein um die Frage: willst du so weitermachen? Willst du das Leid und die Schwere, die du empfindest weiter mit dir tragen oder loslassen? 

Perfect Match

Ein Therapeut ist ja zum Glück kein Mathelehrer, der dir für die Dauer von mindestens einem Schuljahr vor die Nase gesetzt wird, ohne dass du aus der Nummer raus kommst. Ich kann hier nur aus meiner eigenen Erfahrung sprechen, aber ich glaube die ist in dieser Hinsicht recht standardmäßig. Meine Therapeutin hat mir beim ersten Termin gesagt, dass es wichtig ist, dass Therapeut* und Patient* sich vorstellen können, miteinander zu arbeiten. Wir haben daher die erste Sitzung als reines Kennenlernen genutzt, sie hat sich mein Anliegen angehört und mir dann gesagt, ich soll mir bis zum nächsten Termin Gedanken machen, ob ich die Therapie bei ihr beginnen möchte. Und sie hat auch gesagt, dass sie dasselbe macht, weil sie es wichtig für ihren Beruf findet, dass auch sie glaubt einen guten Zugang zu einem Patienten* zu haben, denn sonst kommt man nicht weit miteinander. Es ist wichtig auf das eigene Gefühl zu hören und wenn du den Eindruck hast, dich einem speziellen Therapeuten* nicht öffnen zu können, dann ist es besser, nochmal nach jemand anderem Ausschau zu halten.

Kann mir wirklich jemand helfen?

Diese Frage stellt sich wohl jede*r, der gerade eine harte Zeit durchmacht. Wie soll das denn besser werden? Vielleicht ist das, was dich beschäftigt und bedrückt auch etwas, was du in deinen eigenen Augen eigentlich alleine schaffen müsstest. Du solltest mit deinem Alltag klarkommen, du solltest funktionieren, du solltest dir mit diesem oder jenem nicht so schwertun. Ganz oft sind die sogenannten „kleinen Dinge“ nicht die Wurzel des Problems, sondern ihr Ausdruck. Und wenn es darum geht, dauerhaft etwas zu verändern, sich von alten Mustern und „Themen“ zu verabschieden und sie endlich hinter sich lassen zu können, dann führt – das glaube ich ganz fest – kein Weg daran vorbei, genauer hinzuschauen. Sich zu fragen, was darunter liegt und langsam in die tiefsten Schichten vorzudringen, in das Innerste, und dort die wahren Beweggründe für das eigene Tun zu entdecken. Und genau das ist es ja, was eine Therapie leisten soll. Sie begleitet diesen Weg, leitet dich an, wo du alleine nicht weiterweißt und zeigt Wege auf, wo du vor einer Wand stehst.

Imageproblem

Eine Therapie zu machen hat nach wie vor ein Imageproblem. Es gibt auch, das möchte ich gar nicht kleinreden, noch immer Menschen, die auf „dieses Psychozeugs“ herabschauen, die nicht daran glauben, es als Hokuspokus abtun oder sagen, dass nur Verrückte zum Psychologen rennen. Ein Bekannter von mir hat wirklich mal gesagt „zum Glück haben wir solche Probleme in unserer Familie nicht“. Ich war in dieser Zeit noch in Therapie, was er nicht wusste, und habe mich für einen Moment richtig mies gefühlt. Würde das heute passieren, dann würde ich direkt etwas entsprechendes entgegnen, aber das habe ich mich damals nicht getraut. Fakt ist, dass nur du selbst wissen kannst, wie sehr dich etwas beschäftigt. Jeder Mensch empfindet anders. Ich zum Beispiel habe manchmal Angst vor Dingen, bei denen meine Freunde sich fragen, wie ich überhaupt auf so absurde Ideen komme. Dafür haben sie dann andere Baustellen, wie man so schön sagt.

Mit jemandem zu reden, der kein Freund, Partner oder Familienmitglied ist und der einmal die Woche einfach nur dafür da ist, dich zu unterstützen, ist absolut wertvoll und kein Grund zur Scham. Punkt.

Ressourcen

Ich bin kein Arzt, keine Psychologin oder Therapeutin. Alles, was hier zu lesen ist, beruht auf meiner persönlichen Erfahrung und meinen eigenen Ansichten. Wenn du mehr Infos suchst oder nicht weißt, wo du dich hinwenden kannst um einen Therapieplatz zu bekommen, sprich am besten zuerst mit deinem Hausarzt. Unten findest du noch einige weiterführende Links.

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