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Hinzufügen und Weglassen

Was es ist

Vor Kurzem habe ich so einen Satz in einem Podcast gehört, der mich sofort absolut fasziniert hat und mich seither ein bisschen begleitet. Es war, wenn ich das richtig erinnere, ein Teil von einem buddhistischen Gebet oder Spruch oder Bekenntnis, etwas in der Art jedenfalls. Die Kernaussage war folgende.

Füge nichts hinzu und nimm auch nichts weg.

Das hat mich fast ein bisschen umgehauen, weil ich es so kraftvoll fand und finde. Vielleicht muss ich das ein bisschen erklären, was mich daran so berührt hat. Ich habe eine sehr rege Fantasie, vor allem dann, wenn es darum geht sich das schlimmste auszumalen. Darin bin ich Meister, nahezu unübertroffen. Und sich etwas auszumalen bedeutet ja automatisch immer, etwas hinzuzufügen oder etwas wegzulassen.

Die Traumwohnung

Ein Beispiel. Vor ein paar Monaten bin ich in eine neue Wohnung gezogen und wie ja hinlänglich bekannt ist, ist der Wohnungsmarkt in Berlin, wie in zahlreichen anderen deutschen Städten, extrem angespannt. Eine Wohnung, die ich gesehen habe, war in dem Moment eine absolute Traumwohnung. Einfach perfekt. Ich war schockverliebt und rechnete mir gute Chancen aus. Außerdem war ich der festen Überzeugung, dass ich in der Wohnung gespürt habe, dass das in Zukunft meine Wohnung sein würde.

Die aktuellen Mieter waren mit der Suche nach einem Nachmieter beschäftigt und meinten, es sollte alles recht schnell gehen. Ich schickte eine Bewerbung ab, mit der ich mir viel Mühe gegeben habe, und wartete. Das heißt, ich wartete nicht einfach, sondern ich begann mir die Wohnung, den Umzug und das Leben dort in den schillerndsten Farben auszumalen. Einige Tage vergingen und es kam keine Rückmeldung. Nach einer Woche hakte ich nach – ohne Erfolg. Ich wurde immer nervöser und malte mir alles mögliche aus, warum der Prozess sich verzögerte.

Fakt und Fantasie

Hier sind die Fakten: Ich hatte eine Wohnung besichtigt, die ich sehr mochte und wartete nun auf Rückmeldung. Demgegenüber reicht der Platz hier nicht aus für all das, was ich hinzugefügt und wohl auch weggelassen habe. So viele Fantasien, dass ich es gar nicht mehr in Worte fassen kann. Ich muss wirklich zugeben, dass ich mit der Realität an der Stelle abgeschlossen hatte und einfach mit meinen Luftschlössern tanzen gegangen bin.

Nun ist Fantasie ja per se nichts Schlechtes, im Gegenteil. Sie kann unglaublich hilfreich sein. Es gibt ja diesen schönen Spruch wenn du es träumen kannst, dann kann es auch geschehen. Das heißt, dass die Vorstellungskraft helfen kann, Träume wahr werden zu lassen, indem man sie sich immer wieder vergegenwärtigt und sie einem somit präsent bleiben.

Aber was für eine Kunst ist es, etwas nur als das zu nehmen, was es ist. Nicht mehr und nicht weniger. Wie oft wäre es so wahnsinnig hilfreich einen Schritt zurückzutreten und etwas nur als das zu betrachten, was es ist. Nicht als das, was man wünschen oder fürchten würde, nicht als das, was man gewohnt ist hineinzulegen. Sondern als reinen Fakt. Wie viel weniger könnten Kleinigkeiten mich aufwühlen, wie viel weniger Gedanken müsste ich mir auf einmal machen über Dinge, die den Aufwand in Wahrheit gar nicht lohnen oder die ich nicht selbst in der Hand habe.

Der Gedanke hat mich begeistert. Seitdem übe ich das ab und zu, wenn ich merke, dass ein Gedanke unnötigerweise mit mir durchgeht. Füge nichts hinzu und lass nichts weg murmele ich mir dann leise zu und muss dann oft ein bisschen schmunzeln, wohin ich schon wieder im Begriff war loszurennen in Gedanken.

Fakten können manchmal richtig sexy sein.

2 Kommentare zu „Hinzufügen und Weglassen

  1. mit diesem satz als aufforderung wirst du immer konfrontiert, wenn du als zeuge vor gericht stehst. deine interpretation ist aber sehr schön. es ist eine warnung vor nicht begründbaren gedanken und assoziationen 🙂

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