Leben

Storytime – Das Kaninchen

Hoppl das Kaninchen

Das Kaninchen hüpfte über die Wiese. Langsam, immer langsamer. Irgendwann blieb es sitzen. Seine Flanken hoben und senkten sich. Ich näherte mich mit unsicheren Schritten. Sah es an, die roten Augen, die nun begannen, sich milchig zu verfärben. Tränen strömten über meine Wangen. “Papa, wir müssen zum Tierarzt!” rief ich. “Schnell!” “Da kann der Tierarzt auch nichts mehr machen.” Mein Vater schüttelte den Kopf. 

Später, ob an diesem oder am nächsten Tag kann ich nicht mehr sagen, begruben wir das Kaninchen hinten im Garten, in der Ecke neben dem Bach an der Grenze zum Nachbargrundstück. 

“Hoppl ist tot” schrieb ich in mein Tagebuch. Hoppl war der Name des Kaninchens. Ganz weiß war es, mit roten Augen. Ein Albino wahrscheinlich, aber das wusste ich damals nicht. Mein Vater hat Hoppl für mich gekauft. Wann, daran kann ich mich nicht erinnern, jedenfalls war ich im letzten Kindergartenjahr, als er starb und er war nicht mehr neu, ich muss also sehr klein gewesen sein. 

Eigentlich hatte ich immer ein bisschen Angst vor ihm, fürchtete die kleinen Krallen und die unkontrollierten und für mich unvorhersehbaren Bewegungen. Mein Vater hat Tiere schon immer geliebt, bestimmt dachte er, er macht mir eine Riesenfreude mit dem kleinen Kaninchen. Und ich mochte es ja auch. Frech war er, der kleine Hoppl. Im Sommer hatte er ein Gehege im Garten und grub sich dauernd drunter durch um auszubüchsen. Meist fand ihn einer der Nachbarn und brachte ihn zurück, oder wir gingen auf die Suche und Papa fing ihn ein. Er packte ihn im Nacken, dann machte ich mir immer Sorgen, ob er Hoppl nicht weh täte. 

An diesem Sommertag jedenfalls war meine Freundin Julia zu Besuch. Sie war meine allerbeste Freundin, die Tochter des Försters in unserem Dorf. Ich glaube, wir haben uns im Kindergarten kennengelernt, jedenfalls fand ich damals, dass Julia das schönste und coolste Mädchen war, das ich kannte. An diesem Nachmittag spielten wir im Garten und Julia schlug vor, das Kaninchen aus dem Gehege zu holen. Ich wusste, dass ich das eigentlich nicht alleine durfte und zögerte. Aber Julia hatte keine Berührungsängste mit Tieren und war vertrauter im Umgang mit ihnen, als ich. Wir öffneten also das Gehege und ließen Hoppl raus, nur um gleich darauf zu versuchen, ihn einzufangen. Das war Julias Aufgabe, ganz klar. Wir hatten das vorher besprochen. “Ich kann ihn nicht einfangen”, sagte ich. “Aber ich kann das machen!” sagte sie voller Selbstvertrauen. Also rannte sie hinter Hoppl her und ich hinter ihr. Ins Blumenbeet war er gehüpft, das am anderen Ende des Gartens, nicht das, in dem er später beerdigt wurde. Julia hatte ihn eingeholt, doch dann sprang er wieder los, sie kam ins Schlittern und plumpste auf den Hintern. Unter ihr das Kaninchen. Sie war drauf gefallen und hatte ihm wohl das Genick gebrochen.

Ein paar Jahre später hatte ich noch einmal ein Haustier, einen Wellensittich diesmal. Aber das ist eine andere Geschichte.

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