Psychologie

Zwei Fragen an meine Mutter

Keine leichte Frage

Auf die Gefahr hin, dass diese Einleitung inzwischen echt langweilt, möchte ich mal wieder von einer der Aufgaben aus meiner derzeitigen Meditationspraxis erzählen. Und zwar deshalb, weil ich die Aufgabe im Vorhinein total schwer fand und im Nachhinein froh bin, dass ich mich dann doch getraut habe.

Die Aufgabe lautete: Wenn du kannst frage deine Mutter, was in ihrem Leben ihre größte Enttäuschung war, und was ihre größte noch unerfüllte Hoffnung oder ihr Wunsch ist.

Ich weiß nicht, wie es bei euch aussieht, aber ich bespreche diese Art von Themen normalerweise nicht mit meiner Mutter. Klar erzählt sie mir aus ihrem Leben und spricht manchmal auch über Dinge, die nicht gut gelaufen sind oder die sie aus der Retrospektive heraus anders machen würde. Dennoch ist es in meiner Familie insgesamt weder üblich, sich in großen Träumereien zu ergießen, noch sich an der Vergangenheit aufzuhängen und immer wieder darüber zu sprechen, was schlecht war, oder was man anders hätte machen wollen. Denn, tja, man hat es eben nicht anders gemacht und nun hat man den Salat. Oder eher: man hatte ihn, hat die Suppe ausgelöffelt und jetzt ist es eben so. (Woher kommen eigentlich diese ganzen essenbezogenen Redewendungen?)

Es hat mich also ein bisschen nervös gemacht die Frage zu stellen, zumal ich es am Telefon machen musste, weil meine Eltern nicht gerade um die Ecke wohnen – und selbst wenn, dürfte ich sie ja im Moment nicht besuchen. Dann habe ich mich aber doch überwunden, angerufen und bin direkt zur Sache gekommen.

Tatsächlich habe ich dann auch meine Antworten bekommen und nachdem meine Mutter so bereitwillig mitgemacht hatte, habe ich direkt noch meinen Vater befragt.

Warum schien mir diese Aufgabe so schwer? Meine Eltern sind schließlich Menschen, die ich sehr gut kenne und denen ich vertrauen kann. Ich glaube genau deshalb ist es ein Moment der Verletzlichkeit. Einerseits möchte ich ihnen nicht zu nahe treten denn wer weiß welche alten Wunden, die mir vielleicht völlig unbekannt sind, eine solche Frage aufreißen könnte. Andererseits ist da natürlich die Befürchtung, ausgelacht zu werden, dass man mit so einem Quatsch um die Ecke kommt. Abgebügelt zu werden und dann blöd dazustehen. Und wer weiß, die Antwort, die man bekommt kann man nicht wieder zurückgeben, falls sie einem nicht gefallen sollte.

Hinterher war ich stolz auf mich, dass ich über meinen Schatten gesprungen bin. Vielleicht war es am Telefon sogar ein bisschen einfacher, als wenn man sich am Esstisch gegenüber gesessen hätte. Und ich glaube es sind diese kleinen Momente, die eine Verbindung stärken können, ob es nun zu den Eltern ist, zu Freunden, oder zum Partner. Sich anderen gegenüber verletzlich zu machen verlangt von uns, dass wir über den eigenen Schatten springen. Aber dahinter wartet oft wahre Verbundenheit und ich finde, dafür lohnt es sich.

Übrigens – die Redensart „die Suppe auslöffeln“ geht zurück auf ein Theaterstück des Dichters Terenz aus der römischen Antike.

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