Psychologie

Wessen Angst ist das eigentlich?

Wer hat denn hier Angst?

Als Kind hatte ich riesige Angst vor Hunden. Egal wie groß sie waren, egal wie gut erzogen, wie freundlich vom Wesen oder wie niedlich, ich hatte einfach Angst. Auf der Straße bin ich ihnen ausgewichen, wenn ich als Kind meine beste Freundin besucht habe wurde ihr Hund in der Küche eingesperrt. Da ich somit keine Hunde näher kannte, wusste ich nicht mit ihnen umzugehen, konnte ihr Verhalten nicht einordnen und empfand sie einfach nur als unberechenbar und gefährlich für mich.

Eine meiner Cousinen hatte einen großen Hund, der immer beim Essen unter dem Tisch lag und bei einem Familienessen hat das soweit geführt, dass ich alleine im Nebenzimmer saß, während alle anderen zusammen gegessen haben, damit der Hund nicht weggeschickt werden musste. Wenn ich an diese Sache zurückdenke dann zieht sich mir immer noch der Magen zusammen; ich weiß noch genau wie bitter enttäuscht ich hinterher war, dass der Hund scheinbar wichtiger war, als ich. Aber das ist ein anderes Thema.

In den letzten Jahren habe ich ab und zu Hunde um mich gehabt und meistens festgestellt, dass sie mir, wenn ich sie ein bisschen kenne, gar keine Angst machen. Dass ich sie im Gegenteil sogar süß finde und es schön ist, wenn man einen Hund um sich herum hat.

Das hat mich zum Nachdenken gebracht, ob ich die Kynophobie meiner Kindheit einfach so überwunden habe. Schließlich gab es in meiner Kindheit keinen Vorfall mit einem Hund, der meine Angst begründen könnte, woher kam sie also damals?

Irgendwann wurde mir klar: es war nie wirklich meine eigene Angst, die aus meinem Inneren kam. Es war eine erlernte Angst, die mir in meiner Familie vorgelebt wurde. Diese Erkenntnis war erstmal sehr verwirrend, es ist schon ein komisches Gefühl zu wissen, dass man sich jahrelang vor etwas gefürchtet hat und das nur, weil Andere einem das beigebracht haben. Und das nicht einmal mit Absicht, sondern einfach durch Projektion, durch ihre Reaktionen in Gegenwart von Hunden, letztlich eben durch ihre eigene Angst.

Erlernte Angst wirkt im Gehirn genauso wie die Angst, die man selbst in einer bedrohlichen Situation fühlt. Wenn man also jemanden beobachtet, der Angst hat, dann laufen im eigenen Gehirn dieselben Reaktionen ab, wie im Gehirn desjenigen, der wirklich gerade Angst fühlt. Evolutionär ist das auch durchaus sinnvoll, denn es kann das eigene Überleben sichern. Wenn plötzlich ein Raubtier um die Ecke kommt, dem wir noch nie in unserem Leben gegenüber standen, wissen wir nicht was der richtige Impuls ist. Hingehen und streicheln? Weglaufen? Da kann es nützlich sein wenn Andere dabei sind, deren Reaktion wir nachahmen können und uns somit ebenfalls schützen.

Ich glaube die Ängste aus unserer Kindheit sitzen oftmals so tief und begleiten uns schon so lange, dass wir uns gar nicht fragen, wieso wir uns eigentlich fürchten. Es gehört schon zu unserer Identität. Ich habe eben Angst vor Hunden, du hast Angst vor der Dunkelheit, sie kann kann im Bus nur in Fahrtrichtung sitzen. Richtig rational zu erklären ist das ja alles nicht, aber es wird akzeptiert. Weil es schon immer so war und weil es in unserer Gesellschaft auch sehr akzeptiert ist sich zu fürchten. Kein anderes Land hat so viele Versicherungen im Angebot – was wohl auch daran liegt, dass wir hierzulande wohl besonders große Angsthasen bzw. Schwarzmaler sind. Was alles passieren kann!

Für mich war es letztendlich sehr befreiend zu erkennen, dass die Angst vor Hunden gar nicht meine ureigene Angst ist. Und ich bin froh, dass ich irgendwie zufällig darauf gestoßen wurde. Es hat mich sogar ein bisschen stolz gemacht, denn auch wenn es „nur“ eine erlernte Angst war habe ich es doch geschafft sie zu überwinden und das ist immer ein tolles Gefühl.

5 Kommentare zu „Wessen Angst ist das eigentlich?

  1. Wie spannend, danke für diesen Beitrag!
    Ich selber habe auch erst mit der Zeit herausgefunden, dass „meine“ Flugangst in Wirklichkeit die meiner Mutter gewesen ist. Durch das Vorleben dieser Angst und ihrer Panik in einem Flugzeug, habe ich es mir als Kind selbst angeeignet.
    Und ich stimme dir zu, dass wir die Ängste, die wir haben, meist gar nicht weiter hinterfragen. Umso besser, dass du mit diesen Beitrag darauf aufmerksam machst 🙂

    Liebe Grüße
    Janne von LYREBIRD

    Gefällt 2 Personen

      1. Das ist ja schon ein sehr großer Schritt. Flugangst kenne ich auch und bei mir wurde sie zum Glück mit der Zeit auch besser, für mich war es eine riesige Erleichterung 😊
        Alles Liebe und ein schönes Wochenende
        Anna

        Gefällt 1 Person

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