Psychologie

Positive Einstellung my ass

Du und deine Einstellung

Vor einigen – ich sollte lieber sagen – vor vielen Jahren war ich mit meiner besten Freundin in einem Club in unserer Heimatstadt tanzen. Es war kurz vor Weihnachten und ich glaube der Abend endete damit, dass ich in ihrem Elternhaus ins Waschbecken gebröckelt habe (ups). Aber das ist nicht der Punkt. Im Laufe des Abends hat uns irgendwann ein junger Mann angesprochen. An den Gesprächsverlauf kann ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern, ich weiß aber noch, dass er wohl damit nicht zufrieden war und seinen Abgang machte er mit den Worten „Viel Spaß mit deiner Einstellung!“. Wahrscheinlich hat sich mir das deshalb so eingebrannt, weil wir über diesen Spruch noch wochenlang gelacht haben.

Tja, die Einstellung. Mit ihr ist es so eine Sache. Seit vielen Jahren interessiere ich mich nun schon für persönliche Entwicklung, Spiritualität, Wachstum, Achtsamkeit oder wie auch immer du es nennen möchtest. Ich nenne es eigentlich „dafür sorgen, dass es mir in meinem Leben gut geht“. Wenn man sich in diesen Sphären bewegt dann trifft man immer wieder auf die Aussage, es sei alles Einstellungssache. Du hast dein Leben selbst in der Hand. Du musst nur deine Blockaden im Kopf lösen. Du musst positiv sein. Du musst deine Glaubenssätze auflösen. Du musst dich in höhere Schwingungen bringen.

Und einerseits bin ich da voll dabei. Es ist sehr kraftvoll seine Gedanken zu hinterfragen. Sich damit auseinanderzusetzen warum man eigentlich glaubt, etwas nicht bekommen zu können, nicht verdient zu haben. Eine positive Einstellung hat noch niemandem geschadet und man hat es natürlich oft in der Hand, wie viel Raum man einem Ärgernis im eigenen Leben einräumen möchte. All das ist richtig und für mich wahr.

Aber wahr ist auch: Psychische Erkrankungen sind keine Einstellungssache. Traumata sind keine Einstellungssache. Gewalterfahrungen sind keine Einstellungssache. Diesen Dingen begegnet man nicht mit einem Vision Board und einem Wandtattoo. Man begegnet ihnen mit professioneller Unterstützung. Vielleicht mit Medikamenten, wenn es nötig ist.

Es ist so wichtig, den Unterschied zu verstehen zwischen einer Krise, in der man sich vielleicht temporär befindet, während der man ein bisschen mit dem eigenen Lifestyle hadert und sich fragt ob das nun alles gewesen ist und einfach bis zur Rente so weitergehen soll. Oder ob man an einer Krankheit leidet.

Ich kenne beide Seiten aus meiner eigenen Erfahrung und ich habe durch meine Therapie viele Tools an die Hand bekommen, die es mir auch heute noch ermöglichen, mich in den kleineren Krisen gut zurechtzufinden. Zu erspüren was ich brauche und wie ernst es ist. Wenn ich mich jemals wieder so fühlen würde wie damals zu Beginn meiner Therapie bzw. davor, dann würde ich jederzeit wieder schnurstracks in die nächste Praxis marschieren und bei den Profis vorstellig werden. Weil ich weiß, dass es wirkt, dass es heilt. Und das ist schließlich die Erwartung, die ich an eine Mediziner*in habe. Dass sie mir hilft gesund zu werden.

Diese Erwartung kann ich an eine Instagrammer*in, an einen Online Coach*, an eine Motivationsredner*in nicht haben. Jemand, der mir nur sagt, was ich tun soll, ohne meine Situation zu kennen, ohne die Wunde zu sehen, kann mich nicht behandeln. Wenn ich mir in den Finger schneide und dann bei einem Online Arzt lese, dass bei Schnittwunden am Finger immer die ganze Hand zu amputieren ist, dann gehe ich ja auch nicht in den Keller und suche das Beil. Dann fahre ich doch lieber zur Sicherheit zum Hausarzt.

Inspirierende Online Angebote sind überhaupt nicht falsch, ich falle ja irgendwie selbst in diese Kategorie, also liegt es mir fern mich darüber auszulassen. Was ich aber über alle Maßen wichtig finde ist sich darüber klar zu werden, wie groß der eigene Schmerz ist. Wie sehr beeinflusst meine Krise meinen Alltag, meine Stimmung? Vielleicht auch meine Wahrnehmung? Welche Einschränkungen erlebe ich dadurch?

Um nochmal auf meine eigene Erfahrung zurückzukommen: ich hatte mehrere schlimme Panikattacken am Tag. Über Monate hinweg. Ständige Angst gleich zu sterben. Daraus resultierende Angst davor allein zu sein. Ein andauerndes Gefühl der Überforderung, Unruhe, Anspannung. Panik eben. In diesem Zustand hätte mir ein „ändere deine Einstellung, denk positiv, du hast es dir selbst zuzuschreiben, weil du deine Blockaden nicht auflöst“ überhaupt nicht geholfen. Ich hätte auch nicht meditieren können. Nach ein paar Monaten Therapie habe ich mit Yoga angefangen und schon das war eine echte Herausforderung. Aber die Therapie hat mir super geholfen und heute geht es mir wieder richtig gut, so dass ich überhaupt die Ressourcen habe, mir eine positive Einstellung zu leisten.

Ich will damit sagen: bitte achtet auf euch. Ja, das Mindset ist kraftvoll und es kann deinen Alltag verändern und mit der Zeit auch dein Leben. Aber wenn es dir (oder jemandem, den du kennst) zu schlecht geht, als dass du auch nur einen positiven Gedanken fassen, geschweige denn ihn wahrhaft glauben kannst, dann bitte such dir Hilfe. Es gibt sie da draußen. Es ist keine Schande sie anzunehmen. Es macht einen nicht zum Verrückten, wenn man eine Therapie gemacht hat. Informier dich, nimm Kontakt auf zu Beratungsstellen, sprich mit deiner Hausärztin. Und wenn du dich dazu nicht in der Lage fühlst dann bitte Freunde oder Familie um Unterstützung. Du bist nicht allein und es ist wirklich richtig wertvoll jemanden an der Seite zu haben, der ausgebildet ist und dir helfen möchte, gesund zu werden. Die positive Einstellung wartet so lange.

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