Leben

Vor sechs Jahren

Jubiläum

Vor sechs Jahren im März habe ich diesen Blog gestartet und manchmal kommt es mir vor, als sei das in einem anderen Leben gewesen. Sechs Jahre sind eine lange Zeit und es ist so viel passiert. Aber irgendwie sind sechs Jahre auch gleichzeitig überhaupt nicht lang und ich kann kaum glauben, dass es schon so lange her sein soll.

Ich habe damals in einem WG Zimmer in Köln gelebt, das ich nur zur Zwischenmiete hatte und war ziemlich dringend auf Wohnungssuche, weil ich ausziehen musste, aber keine neue WG finden konnte. Ich war frisch mit dem Studium fertig und hatte keinen Plan, was ich mit meiner Ausbildung anfangen will, welchen Beruf ich ergreifen soll. Ich habe Bewerbungen ohne Ende geschrieben und oftmals nichts als eine automatische Eingangsbestätigung erhalten.

Gleichzeitig war es eine sehr wertvolle Zeit für mich, weil ich mich um mich kümmern konnte, mich mit mir selbst beschäftigen und meine Angst heilen. Es war eine Art Zwischenzeit, ein Innehalten, bevor es wieder mit Vollgas weitergehen würde. Und das ging es dann auch.

Jetzt, sechs Jahre später, sitze ich wieder hier in so einer Zwischenzeit. In einem gezwungenen, aber nicht unwillkommenen Innehalten. Einem Moment zum Durchatmen, den ich mir nehmen kann um mich mit mir selbst zu beschäftigen. Und was habe ich gelernt? Das wird sich wohl erst noch zeigen.

Wenn ich zurückdenke an die junge Frau, das Mädchen, das ich vor sechs Jahren war dann glaube ich sie wäre überrascht, was uns alles passiert ist. Sie würde sich definitiv wundern, dass wir in Berlin leben, denn das wollte sie eigentlich nie, aber das Leben spielt eben manchmal so.

Vor ein paar Wochen hatte ich mal wieder so einen Moment, in dem ich mich an mein „altes Ich“ erinnert fühlte. Es war eine Situation in der jemand sagte, dass einige der (natürlich nur online) Anwesenden vielleicht ein bisschen nervös seien und mir erst dadurch klar wurde, dass ich es nicht war. Nicht aufgeregt, nicht nervös, nicht in Gedanken vor allem dabei, wie ich auf andere wirke oder wie ich mich verhalte um möglichst nicht negativ aufzufallen. Meine Vorgängerversion aus dem Jahr 2014 hätte es wohl nicht geglaubt, wenn man es ihr damals gesagt hätte.

Wie weit der Weg ist, den man schon gegangen ist, sieht man oft erst wenn man auf ihn zurückblickt. In der Erinnerung kann er leicht verschwimmen. War doch gar nicht so steil, wie erwartet, und ich bin auch weniger in Schwitzen gekommen, sagen wir uns. Aber wenn wir uns dann umdrehen und sehen, welche Höhen wir erklommen haben, welche Täler durchwandert, dann wird auf einmal deutlich, was da wirklich hinter uns liegt.

Nicht jede Höhe bietet einen guten Ausblick

Manche Berge sind auch einfach nur steil und vor lauter Erleichterung endlich oben angekommen zu sein, gehen wir sofort wieder los, weiter, weiter, statt den Ausblick zu genießen. Oder wir erwarten eine wundervolle Aussicht, aber das Tal hängt voll Nebel und so bleibt sie uns verwehrt.

Deshalb ist es so wichtig, sich auch zwischendurch mal umzudrehen. Sich die Strecke anzuschauen, die hinter einem liegt und einmal tief durchzuatmen. Uff, ganz schön was geschafft. Es ist schön sich das ab und zu mal anzuschauen, finde ich. Den eigenen Lebensweg und was er schon alles bereitgehalten hat für uns. Welche Wunder wir schon erleben durften, aber auch welche Umwege wir genommen haben oder welche Hindernisse wir überwinden konnten. Da darf man sich, finde ich, ruhig manchmal auch auf die Schulter klopfen.

Denn wer, wenn nicht wir selbst weiß wirklich zu schätzen, wie groß die Veränderung ist? Wer kann wirklich fühlen, welche Hürden wir überwinden haben und wie viel Anlauf, wie viele Versuche es gekostet hat. Wenn wir Glück haben, gibt es vielleicht ein paar wenige Eingeweihte, aber im Kern sind wir es doch selbst, die am stärksten spüren, was mit uns passiert ist.

Und um nochmal auf mein 2014-selbst zurückzukommen: es fühlt sich gut an zurückzublicken und zu wissen, dass alles gut geworden ist. Dass ich mich auf mich verlassen konnte, das Richtige für mich zu tun und daraus die Gewissheit ziehen kann, dass ich mich auch in Zukunft jederzeit wieder auf mich verlassen kann. Dass ich mir beistehe und für mich sorge. Dass ich vieles geschafft habe, was mir damals vielleicht in sehr weiter Ferne schien. Das fühlt sich gut an und es gibt mir Zuversicht. Und die kann ich immer, aber besonders jetzt, gut gebrauchen.

3 Kommentare zu „Vor sechs Jahren

  1. Oh ich liebe den WordPress Reader genau für solche Texte wie diese. ❤ Ich war beim Lesen sehr berührt von deinen Zeilen und finde die Berg-Metapher wunderschön. Und diese Worte von Dir "Manche Berge sind auch einfach nur steil und vor lauter Erleichterung endlich oben angekommen zu sein, gehen wir sofort wieder los, weiter, weiter, statt den Ausblick zu genießen. Oder wir erwarten eine wundervolle Aussicht, aber das Tal hängt voll Nebel und so bleibt sie uns verwehrt",
    würde ich mir am liebsten aufschreiben, weil es so wahr ist und man es leider so oft vergisst…Danke für diese inspirierenden Gedanken. 🙂

    Gefällt 2 Personen

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