Leben

Was ist weiblich?

Weiblichkeit gesucht

Ich weiß nicht wie es dir geht, aber ich persönlich habe mich viele Jahre meines Lebens sehr unweiblich gefühlt. Vor allem im Teenageralter hatte ich mit den Bildern von „Weiblichkeit“ und von „begehrenswerten Frauen“ zu kämpfen, die allgemein im Fernsehen und in der Werbung präsentiert wurden. Ich hatte das Gefühl, diesem Ideal mit meinem Körper niemals entsprechen zu können, und es hat mich traurig gemacht.

Die Brüste nicht groß genug, das Lächeln nicht verführerisch genug, die Röcke nicht kurz genug, die Lippen nicht rot genug, die Haut nicht glatt genug. Wer würde mich so attraktiv finden, wer würde mich wollen? So umperfekt und unweiblich, nicht sexy, nicht begehrenswert. Das waren meine Gedanken.

Irgendwann habe ich natürlich gelernt, dass Geschmäcker verschieden sind, dass zu „sexy“ noch ganz andere Sachen gehören, als nur bestimmte Körperformen und es letztendlich nicht allein das Äußere ist, dass jemanden attraktiv und begehrenswert macht. Damit war die Frage nach der Weiblichkeit für mich aber trotzdem noch lange nicht geklärt und – Spoiler Alarm – sie ist es bis heute nicht.

Wann ist eine Frau eine Frau?

Weiblichkeit ist fast schon etwas Mystisches, finde ich. Was bedeutet weiblich, was ist es und was ist an mir selbst weiblich? Ich glaube diese Fragen habe ich schon lange in mir, wahrscheinlich seit nunmehr bald zwanzig Jahren, und sie werden mit der Zeit eher lauter, als leiser.

Ich erinnere mich an einen Moment vor etwa zehn Jahren, als ich auf einer Party die Schwester einer meiner Freundinnen tanzen sah. Ich kannte sie nicht näher, weil sie einige Jahre älter war als wir und schon von zuhause ausgezogen. Ich erinnere mich, wie ich sie an diesem Abend beim Tanzen beobachtet habe und sie so unglaublich weiblich fand. Das war glaube ich das erste Mal, dass ich so über jemanden dachte. Sie ist so absolut weiblich. Es waren nicht die Klassiker, die mir ins Auge stachen, nicht ihre Schönheit oder ihre Figur. Sie hatte sich auch nicht besonders zurechtgemacht und ich könnte nicht einmal sagen, dass ich die Art, wie sie sich bewegte, ausgesprochen schön oder grazil fand. Es war vielmehr ihre Energie, etwas in ihrem Inneren, das ich erkannte. Gleichzeitig weich und stark, in sich gekehrt und doch nach außen strahlend.

Und ich weiß noch, dass mir auffiel, wie wenig diese Frau, die ich für mich gerade als ungemein weiblich definiert hatte, in die gängigen Vorstellungen passte, die ich bis dahin von „Weiblichkeit“ hatte. Wie wenig das, was ich weiblich fand, mit ihrem Äußeren zusammenhing, mit der Größe ihrer Brüste oder ihres Hinterns, ihrer Kleidung oder ihrem Verhalten. Denn sie verhielt sich ja nicht, sie tanzte.

Wir alle tragen weibliche und männliche Energie in uns. Das ist auch gut so, weil beide ihre Berechtigung, ihren Auftrag haben. Wenn sie in Balance sind, führen sie uns und erweisen uns, jede in anderen Lebenslagen, wertvolle Dienste. Ich glaube allerdings, dass die weibliche Energie es heutzutage oft schwer hat, weil wir so darauf getrimmt sind, uns rational zu verhalten, Entscheidungen mit dem Kopf zu treffen, bloß nicht zu emotional zu sein, kein Drama zu machen und immer ein gewisses Level an Produktivität zu halten. All das entspricht aber der männlichen Energie.

Die weibliche Energie hingegen möchte sanft sein, sie möchte uns eine Intuition schenken, die aus dem Herzen, aus dem Bauch kommt, statt aus dem Kopf, sie möchte Gefühlen Raum geben, sich hingeben, statt produktiv zu sein. Und so haben wir zugunsten der Ratio verlernt, sie in uns fließen zu lassen.

Je länger ich mich nun mit Weiblichkeit allgemein und mit meiner eigenen Weiblichkeit im Besonderen beschäftige, desto mehr Aha-Momente habe ich. Es ist absoluter Wahnsinn, welche verborgenen Überzeugungen mir plötzlich begegnen, die entweder in der Gesellschaft über Frauen* vorherrschen, oder die ich plötzlich an mir selbst feststelle. Keine Ahnung, woher da manche Dinge rühren, aber ich finde es so unglaublich spannend, sie zu entdecken und mich so immer mehr dem anzunähern, was Weiblichkeit für mich wirklich bedeutet und wie ich meine eigene Weiblichkeit annehmen und leben kann.

Ich glaube, auch gesellschaftlich haben wir in dieser Hinsicht noch einiges aufzuräumen. Denn die Bilder, die von Frauen, von Weiblichkeit, von Attraktivität auch heute noch präsentiert werden, gehören zu einem großen Teil echt nicht mehr hierhin. Es gibt schon viele tolle und vor allem vielfältige Vorbilder für Frauen*, so dass wir uns Schritt für Schritt von Stereotypen lösen können, aber trotzdem ist da echt noch Luft nach oben. Außerdem finde ich, dass es langsam Zeit wird, sich von dem Bild der „hysterischen Frau“ oder der „Frau, die halt ihre Tage hat“ zu verabschieden und für eine größere Akzeptanz von Gefühlen zu sorgen. Und zwar für alle Menschen, egal ob Mann* oder Frau* oder alles dazwischen. Wir alle haben Gefühle und die wollen gefühlt werden, insofern denke ich es ist Zeit für mehr weibliche Energie in unser aller Leben.

14 Kommentare zu „Was ist weiblich?

  1. ich finde es gut, dass du über dieses thema reflektierst. du stellst deine sicht in den kontext vermuteter anforderungen aus gesellschaft und kultur. das ist ein ganz schwieriges unterfangen und du bist mutig, deine gedanken darzustellen. das problem ist, dass viele menschen so gerne in kategorien verfallen, denn kategorien vereinfachen die auseinandersetzung mit schwierigen themen. aber sie verhindern auch die tatsächliche, angemessen tiefgründige auseinandersetzung mit dem kern des themas. du hast es besser geschafft. gut so. weiblichkeit definiert sich nicht aus gesellschaftlicher wahrnehmung oder anforderung, sondern aus der persönlichkeit an sich. auch wenn sie der wahrnehmung von anderen unterliegt. ein schwieriger spagat. uiuiui, jetzt war das wieder kompliziert, was ich geschrieben habe. 🙂

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  2. „Außerdem finde ich, dass es langsam Zeit wird, sich von dem Bild der „hysterischen Frau“ oder der „Frau, die halt ihre Tage hat“ zu verabschieden und für eine größere Akzeptanz von Gefühlen zu sorgen. Und zwar für alle Menschen, egal ob Mann* oder Frau* oder alles dazwischen.“

    EINFACH: JA!!! 😊

    VVN

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  3. Zitat:
    „Außerdem finde ich, dass es langsam Zeit wird, sich von dem Bild der „hysterischen Frau“ oder der „Frau, die halt ihre Tage hat“ zu verabschieden“

    … und bitte auch von so konstruierten Schubladen wie „männlicher“ und „weiblicher“ Energie.

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      1. Ja, wie soll denn eine Energie ein Geschlecht haben?! … Ebenso wie Eigenschaften, Charakterzüge, Fertigkeiten. Ich begreife dieses Bedürfnis so vieler Menschen nicht, etwas krampfhaft in die Geschlechtsschubladen männlich/weiblich einsortieren zu wollen.

        Und nur weil man es Yin- und Yang nennt, ändert das nichts an meiner Kritik; diese Begriffe stehen nämlich schlicht für weibliche/männliche Energie etc.. Da bleibt die biologische Zuordnung.

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      2. Ja, den Kritikpunkt kann ich sehr gut nachvollziehen. Im Allgemeinen halte ich von diesen „weiblich“ und „männlich“ Schubladen auch nicht so viel. In diesem Kontext allerdings kenne ich bislang – außer Yin und Yang – tatsächlich keine anderen Begriffe und habe das noch nie anders beschrieben gehört. Vermutlich hat sich die Unterscheidung „männlich“ und „weiblich“ deshalb durchgesetzt, weil sich darunter die allermeisten Menschen recht einfach etwas vorstellen können.
        Aber wie dem auch sei, danke fürs Teilen deiner Gedanken dazu!

        Liken

  4. Ich finde es wundervoll, dass immer mehr Frauen sich selbst reflektieren, sich hinterfragen was Ihrer Natur entspricht!
    Sich hinterfragen was überhaupt weiblich ist, was überhaupt Frau sein ist. Sich mit Ihrem Körper und Ihren Hormonen auseinandersetzen.
    Und sich fragen ob es so einen großen Unterschied zwischen der Innenwelt, dem Unterbewussten von Frau und Mann gibt.

    Die Energien des Anima, des“ weiblichen“, dem Yin oder des Shakti gehen in unserer schnellen und fortschrittlichen Geselschaft sehr stark unter( Was nicht bedeutet, dass diese Energien nicht gut sind) Diese Begriffe sind wie Archetypen, unter dennen wir uns in der matereallistischen Welt etwas vorstellen können.
    Die Energie der Anima, der Dunkelheit, der Ruhe,Innehalten, Intuition,Harmonie,Verbindung wird oft Missverstanden und wenige wissen damit etwas anzufangen.

    Männer wie Frauen sollten beide Energien in sich erforschen, um sich selbst zu verstehen, um zu verstehen was sie gerade benötigen, was ihnen fehlt oder um einfach zu schauen wovon es gerade zu viel gibt. Um vielleicht auch seinen Gegenüber mehr zu verstehen. Um toleranter und wertfreier zu werden.

    Ich hoffe und wünsche dir, dass du deinen Weg findest! Fülle in dich hinein, lasse dich von Intuition führen, wenn du Ruhe brauchst nimm Sie dir, wenn du Kraft brauchst suche deine inner Kraftquelle! Alles ist in dir, du musst es nur erschaffen, es sehen, es fühlen. Die Welt ist eine Projektion unseres selbst. Wenn du weiblichkeit für dich definierst , wird Sie zu dir kommen.

    Danke dir für diesen Beitrag!

    LG dieNackteFrau

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  5. Dass überhaupt noch Frauen darüber nachdenken, wie sie sein sollen, wie sie aussehen sollen. Wir sind im 21.Jhd. Und immer noch werden wir in bestimmte Klischees und Rollen gedrängt. Sei so wie Du bist. Alles ist richtig, solange Du dich wohl fühlst und glücklich bist.
    Und was die anderen sagen ist nicht wichtig. Die haben genug mit sich selbst zu tun. Oder warum sollten sie sonst schauen und werten. Weil sie mit sich selbst nicht zufrieden sind. Weil sie die Frauen in Bahnen lenken wollen, in denen sie die Frauen gerne hätten.Macht.

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    1. Du hast Recht, es ist erstaunlich, dass Frauen immer noch so in diesen überholten Bildern verhaftet sind. Ich finde es aber gut, dass es immer mehr hinterfragt wird und es hat sich auch schon viel getan in den letzten Jahren denke ich. Wir sind hoffentlich auf einem guten Weg

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      1. Seit dem Shutdown sind viele Frauen wieder zu Hause und kümmern sich um ihre Kinder. Job und Familie. Schwierig für sie, beides unter einen Hut zu bringen. Und benachteiligt sie im Job. Hoffentlich verändert sich bald etwas, um sie zu entlasten. 🤗

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