Leben

Wie groß, wie schwer, wie breit?

Dein Körper.

Es ist mal wieder soweit, eine berühmte Dame hat erheblich an Gewicht verloren und die Welt kennt plötzlich kein anderes Thema mehr. Die Rede ist von Sängerin Adele, die vor Kurzem ein Bild von sich gepostet hat, ich glaube es war anlässlich ihres Geburtstags und – siehe da – Adele ist plötzlich schlank.

Adele ist aber auch frisch geschieden und während es da nicht unbedingt einen Zusammenhang geben muss, kann es doch sein, dass es ihr einfach nicht besonders gut geht. Dass sie unter der Trennung leidet, denn geheiratet hat man ja ursprünglich mal, weil ein gemeinsames Leben plante und wenn so ein Traum dann zerplatzt, kann das durchaus sehr schmerzhaft sein. Ich kenne eigentlich niemanden, der sich scheiden lassen hat und das eine total prima Erfahrung fand. Und manche Leute verlieren Gewicht, wenn es ihnen nicht gut geht.

Warum also wird der Gewichtsverlust, besonders der von Frauen, eigentlich immer so gefeiert? Warum geht man immer davon aus, dass der Mensch, der sich da gerade verringert hat, das a) gut findet und b) es absichtlich getan hat? Es gibt viele Gründe dafür, warum jemand Gewicht verliert und längst nicht alle haben mit Sport und gesunder Ernährung zu tun.

Ich weiß noch, wie ich vor einigen Jahren eine ehemalige Klassenkameradin von mir getroffen habe, die deutlich abgenommen hatte. „Hey du hast dich echt verändert“, sagte ich zu ihr, „hast du abgenommen?“. Ihre Augen wurden groß und sie sah mich mit einem Ausdruck an, der mir sofort sagte, dass diese Frage nicht willkommen war. Später fragte ich eine Freundin nach der Begegnung und sie bestätigte mir, dass unsere ehemalige Klassenkameradin an einer Essstörung litt und sogar für eine Weile in einer Klinik war, weil es ihr so schlecht ging. Offensichtlich hatte sie sich zu dem Zeitpunkt, als ich sie traf, wieder erholt, aber es kann gut sein, dass meine Frage sie absolut getriggert hat. War das meine Absicht? Natürlich überhaupt nicht. Aber macht es einen Unterschied? Leider auch nicht.

Reden über Körper

Ich habe mir von diesem Tag an jedenfalls fest vorgenommen, nie mehr eine Person zu ihrem Gewichtsverlust zu befragen und schon gar nicht zu beglückwünschen, weil man nie wissen kann, was dahinter steckt.

Schon seit einigen Jahren empfinde ich es auch selbst als unangenehm, wenn jemand meinen Körper kommentiert. Und das machen erstaunlich viele Menschen. Dabei sind die Kommentare zu meinem Körper sogar meist noch „positiv“, trotzdem gehen auch hier die Meinungen auseinander. „Du isst zu wenig“, „Wenn ich so viel essen würde wie du, würde ich definitiv nicht SO aussehen“. „Du machst halt auch viel Sport“, „Renn dich doch nicht so kaputt“. „Du könntest ruhig noch ein paar Kilos zulegen“, „Wie viel möchtest du denn abnehmen?“ Alles schon gehört, obwohl ich es nie hören wollte.

Und warum sollten wir denn auch die Körperformen der Anderen kommentieren? Was nützt es jemandem, wenn man ihm sagt, dass er zu dick oder zu dünn ist, zu viel isst oder zu wenig? Es nützt gar nichts, aber mit der Zeit werden all diese verschiedenen Stimmen von außen zu einer inneren Stimme in uns, die sich ungefragt meldet. Die uns einflüstert, was wieder alle sagen werden, wenn wir dies oder jenes tun, essen, tragen oder sagen. Die kleine Stimme, die sagt „du sollst doch nicht so viel davon essen“ oder „zieh das nicht an, darin siehst du so mager aus, dann reden wieder alle“. Und diese Stimme wieder loszuwerden kostet sehr viel Kraft.

Deshalb bin ich dafür, das Reden über fremde Körper auf ein Minimum zu beschränken. Auf Arztbesuche zum Beispiel, oder Tanzwettbewerbe, oder auf „da sitzt ein Marienkäfer auf deiner Hand“. Denn egal, ob wir Andere über unsere eigenen Körper reden hören, oder die von Dritten, es macht etwas mit uns. Es festigt die Vorstellung davon, wie ein Körper zu sein hat, wie er aussehen darf und wie nicht, wo die angeblichen Grenzen der Ästhetik liegen.

Jede negative Bemerkung über das Aussehen eines anderen Menschen ist unnötig und sie nagt auch immer ein bisschen an uns selbst – nährt sie doch die Befürchtung, irgendwann selbst mit den Makeln dazustehen, die wir an anderer Stelle kritisiert haben.

Fakt ist doch: es wird immer Körper geben, die wir schön finden, und andere, die wir nicht so schön finden. Die von Menschen, die wir lieben oder bewundern finden wir schön. Die anderen sind aber auch immer noch da. Und sie bleiben weiter da und haben ein gutes Recht dazu, egal wie schön wir sie finden oder nicht. Warum sollen wir also Energie darauf verschwenden sie abzuwerten? Alle Körper sind doch gute Körper, denn sie schenken uns das Leben, sie ermöglichen es uns, Empfindungen zu haben und Erfahrungen zu machen, zu fühlen, zu gehen und zu sitzen, einfach all das zu tun, was wir jeden Tag als selbstverständlich ansehen. Und allein dafür sollten wir sie lieben, egal wie sie aussehen.

4 Kommentare zu „Wie groß, wie schwer, wie breit?

  1. Ich denke, dass es niemandem zusteht, einen anderen Menschen zu bewerten. Egal ob negativ oder positiv. Ich darf mir auch regelmäßig Sprüche anhören und ich frage mich jedesmal, ob ich irgendwo ein Schild kleben habe, auf dem die Einladung dazu steht. Wir legen eh zu viel Wert auf unser Äußeres, da braucht es nicht noch eine Erinnerung von außen.

    Vielen Dank für diesen Eintrag, er spricht mir aus der Seele. Und was Adele betrifft, so freue ich mich einfach auf neue Musik von ihr. Alles andere ist ihre Sache.

    Gefällt 2 Personen

  2. Das man fülligere Körper nicht kommentiert ist vielen klar, aber dass das uns Schlanken auch nicht immer so gut tut, verstehen weniger Menschen. Ich hab lange Zeit sehr schwer zugenommen und gerade im Gesicht schaut das oft eher ungesund aus und ich hätt auch für die Nerven gern mehr auf den Rippen gehabt.
    Und dann auch noch zu hören, „du ernährst dich sicher nur von Salat“ oder ausgelacht zu werden wenn ich sag was für ein Schokotiger ich bin ist nicht so schön.

    Danke für den Artikel!

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, ich glaube letztendlich sind Kommentare über den Körper für fast jede*n verletzend auf die eine oder andere Weise oder führen zumindest zu Verunsicherung. Ich wurde z.B. auch rundheraus gefragt ob ich eine Essstörung hätte und das war ein sehr blödes Gefühl. Und wäre vermutlich auch nicht hilfreich gewesen, wenn ich eine gehabt hätte.
      Danke dir fürs Teilen ✨🙏

      Gefällt 1 Person

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