Liebe

Verrat

Fotoalbum

Mein erster Freund hat zu Weihnachten einmal ein Fotoalbum von mir bekommen. Die Bilder darin zeigten, es überrasch wahrscheinlich nicht, mich selbst und ich hatte eher wenig an. Eine meiner Freundinnen und ich hielten es für eine gute Idee uns gegenseitig zu fotografieren und für unsere jeweiligen Freunde ein kleines Album zusammenzustellen.

Wir waren jung, verliebt und sehr naiv. Ich weiß noch wie wir uns in der Schule darüber unterhielten die Bilder in einem Fotogeschäft drucken zu lassen und einer unserer Schulkameraden anbot, sie für uns auszudrucken. Leicht beschämt lehnten wir ab und ihm war sofort klar, warum. „Seid ihr euch sicher, dass ihr das machen wollt?“ fragte er. Aber wir wischten seine Bedenken zur Seite.

Einige Monate später, ich glaube es war inzwischen Sommer geworden, eröffnete mir meine Freundin, sie habe das Album mit meinen Fotos unter dem Bett von ihrem Freund gefunden. Und als sie ihn darauf ansprach erklärte er, die beiden hätten die Alben getauscht. Sie hatten sich nicht einfach nur gegenseitig die Bilder gezeigt. Nein, sie hatten die Alben getauscht. Sie dem anderen mit nach Hause gegeben, ich weiß nicht wie lange.

Ich kann mich erinnern, dass ich es damals keine allzu große Sache fand. Vielleicht wollte ich auch die lässige Freundin sein, die keinen Stress macht, die sich mit ihrem Körper so wohl fühlt, dass ihr egal ist wer ihn sieht. Oder vielleicht war ich sogar so lässig, ich kann mich zumindest nicht erinnern, mich wirklich geärgert zu haben.

Es ist etwas Besonderes, wenn man zum ersten Mal begehrt wird. So jedenfalls habe ich das erlebt. Jemanden zu haben, der mich schön fand, sexy, der mich wollte, als Mensch und auch körperlich, war für mich ein wunderschönes Gefühl und das ist auch so geblieben. Ihm solche intimen Bilder von mir zu schenken war vielleicht ein bisschen narzisstisch, aber es war auch eine Liebeserklärung. Ein Vertrauensbeweis. Ein Akt der Hingabe. Du darfst mich sehen und ich begebe mich in deine Hände. Du kannst mit mir machen was du willst.

Und was hat er gemacht? Mich weitergegeben um den Preis des Voyeurismus. Ich habe wohl nie gefragt, warum sie einander die Bilder gegeben haben, jedenfalls kann ich mich an keine Antwort erinnern. Es war wohl die Neugier, oder vielleicht eine Art Wettbewerb, wer die heißere Frau hat. Wenn ich heute daran denke, bin ich sprachlos. Es spricht ein Hohn aus dieser Handlung, eine Missachtung, die ich keinem der beiden zugetraut hätte. Ein Frauenbild geprägt von Austauschbarkeit, von Objektifizierung. In ihren Händen hörten wir auf Frauen zu sein und wurden zu Sammelbildern. Wir müssen wohl auch aufgehört haben ihre Freundinnen zu sein, denn wie sonst hätten sie es über sich bringen können uns preiszugeben?

Ich kann mich erinnern, dass meine Freundin schon damals viel mehr davon getroffen war als ich und ich bereue es, meine Stimme nicht gemeinsam mit ihr erhoben zu haben. Vielleicht hat sie bereits die Wunde gespürt, die ich erst heute erfassen kann. Schon damals die Wut gefühlt über eine solche Missachtung unserer beider Gefühle, unserer Identitäten.

Die Selbstverständlichkeit mit der die beiden jungen Männer handelten spricht, wie auch meine Sprachlosigkeit als Reaktion, lauter als tausende Worte. Sie erzählen, ja schreien förmlich von der Selbstverständlichkeit mit der Frauen betrachtet werden. Klassifiziert. Kategorisiert. Ausgetauscht.

Ich wünsche mir, dass wir eine Gesellschaft werden, die jungen Männern andere Sichtweisen vorlebt. Dass wir ihnen zeigen, wie man Frauen mit Respekt begegnet. Dass wir sie respektieren und sie uns. Dass eine Frau nicht einfach ein Körper ist. Und ein Mann auch nicht. Dass wir alle Menschen sind. Wertvoll.

5 Kommentare zu „Verrat

  1. Unsere Nacktheit macht uns alle verletzlich. So hat das einmal eine Schauspielerin, mit der ich eine Zeit lang eine Wohnung geteilt habe, gesagt. Sie hatte damals eine Rolle in einem Schauspiel, in dem sich Reih um jeder einmal nackt agieren musste.
    Und darin hat sie recht. Keine schützende Hülle. Vor Blicken, vor Kälte, vor Sonne. In der Kunst ist der Akt, die Dargestellten so zu zeigen wie sie sind. viele Künstler setzen sich schon während dem Studium mit dem menschlichen Körper auseinander. Auch in der Fotografie. Helmut Newton.
    Das was deine Freunde gezeigt haben, hat aber mit all dem nichts zu tun. Dumme Jungen, die noch nicht wissen, was für einen Vertrauensbeweis du ihnen gibst. Vielleicht haben sie sich beim älter werden, verändert. Ich möchte nicht erwachsen werden sagen, weil der Mensch ein Leben lang dazu lernen muss.

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    1. Das stimmt, Nacktheit macht automatisch verletzlich. Deshalb ist sie vielleicht auch gleichzeitig so spannend und so besonders. Deshalb erlauben wir nicht jedem Menschen, sie zu sehen und möchten selbst entscheiden, wem wir uns zeigen. Danke für deine Gedanken dazu.

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  2. Dein Text ist ein perfektes Beispiel, wie wir die Welt besser machen können. Er zeigt ganz klar einen gesellschaftlichen Missstand auf: Wie kann ein Mensch einen anderen Menschen so austauschen und in jener Form das Vertrauen missbrauchen. Wir Menschen begehen unsere Fehler immer aus dem Denken heraus, dass das schon okay so ist. Und erst im Nachhinein merken wir, was falsch war. Dein Text erklärt sehr eindeutig, wie der Wert von Mann und Frau unterschieden aufgefasst wird. Darauf müssen wir unseren Augenmerk legen, denn nur so lässt sich eine Veränderung erreichen. Vielen Dank für diesen Beitrag und für deine Offenheit.

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